Günzel: Der Affe und das Mädchen

14,98
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Eine ungewöhnliche "Liebesgeschichte" voller exotischer Bilder und skurriler Abenteuer

Lisa, die sympathische Heldin, ist gerade sechzehn Jahre alt, als sie im Jahre 1700 gemeinsam mit ihren Stiefeltern von Europa aus nach Surinam aufbricht. Auf einer Zuckerrohrplantage erlebt sie, wie vierhundert Sklaven mit brutaler Gewalt im Zaum gehalten werden und ihre Stiefeltern sich in einem egoistischen Leben einrichten, in dem eigentlich kein Platz für sie ist. Doch Lisa besitzt eine Gabe, die ihr die neue Heimat nicht zum Albtraum werden läßt. Sie entdeckt eine großartige Welt voller Naturwunder, die im nahen Dschungel auf sie warten. Während ihrer Ausflüge in die tropische Zauberlandschaft macht sie die Bekanntschaft eines Affen. Der Affe ist alt und einsam und durch Lisas affenähnliche Gestalt fühlt er sich zu ihr hingezogen. Er betrachtet sie als "seine Äffin" und duldet nicht, daß man sie ihm wegnehmen will. Für einige Menschen wird das Erscheinen des Affen zur Katastrophe, vor allem für Lisas Verehrer, für die sie nur Verachtung empfindet. Sie bezahlen ihre besitzergreifende Leidenschaft mit dem Leben und Lisa fragt sich, ob der Affe tatsächlich nur ein "dummes" Instinktwesen ist und wo eigentlich die Grenze zwischen dem Kosmos der Tiere und der Welt der Menschen verläuft ...

 

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Wolf Richard Günzel, in der ehemaligen DDR geboren und kurz vor dem Bau der Berliner Mauer nach Westdeutschland geflohen, ist Autor und Naturfotograf. Seit 1982 veröffentlicht er Reiseberichte und Artikel mit eigenen Naturfotografien in den Medien („Rheinischer Merkur“, „FAZ“, „Der Spiegel“, „Kosmos“, „Das Tier“, „Natur“, „Wild und Hund“, „Mein schöner Garten“, „Aqua-Geo“ oder „Gartenteich-Magazin“).

 

Wolf Richard Günzel: Der Affe und das Mädchen, 150 Seiten, Broschur, € 14,98, ISBN 978-3-86992-089-4, ISBN 978-3-86992-089-4

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Leseprobe:

 

Teil I

 

HAGSTADT

ANNO DOMINI 1699

 

 

1

 

Am 31. August 1699 wurde vor der Basilika St. Katharina zu Hagstadt eine neununddreißigjährige Frau auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ihr Name war Anna Griesheim, und ihr Verbrechen bestand darin, daß sie das Ungeziefer, das alles vom Menschen Gemachte bedrohte, auf ketzerische Weise liebte und verehrte.

Alles Tierische sprach zu dieser Zeit eine eigene, scheußliche und übermächtige Sprache. Von den Wäldern aus beobachteten Wölfe die Menschen in der Stadt und nur die Steinmauer, die man errichtet hatte, zwang sie zur Rückkehr ins Dickicht. Andere Tiere setzten sich ohne Verstand und Vernunft über die Grenze zur Welt der Menschen hinweg. Sie verwandelten das Gebälk ihrer Häuser in weißes Holzmehl und ließen sie zusammenbrechen. Motten zerfraßen teure Pelze. Maden krochen durch Käse und Schinken. Mäuse bevölkerten die Kornkammern. Ratten hausten in den Vorratskellern. In den Gassen der Stadt trat man auf eklige Kröten und anderes Gekröse. Kopfläuse und Flöhe quälten die Menschen und in ihren Abfällen hausten resistente Bakterien und verbreiteten einen abscheulichen Gestank.

 

 

2

 

Als man Anna Griesheim aus dem Kerker holte und zum Scheiterhaufen führte, kreisten schwarze Vögel über den Zinnen der Basilika, und der Menschengeruch, den der Wind an sie herantrug, war für sie neu und verwirrend. Er enthielt Botschaften über beginnendes oder verfallendes Leben. Er informierte sie über die Nahrungsvorräte in den Speisekammern der Menschen, über ihre Küchenabfälle und Fäkalien. Er erzählte ihnen von ihrer Furcht, von ihren Schwächen und Begierden.

Anna Griesheim war an den Händen gefesselt, und sie wünschte sich, daß alles schon vorüber wäre, denn sie sah sich von einer Menschenmenge umgeben, die darauf lauerte, daß sie ein Fraß der Flammen wurde. Mit wollüstigen Blicken standen die Gaffer vor dem Scheiterhaufen; der ganze Kirchplatz war überfüllt mit ihnen. Die hinteren stellten sich auf die Zehenspitzen, um über die Köpfe derer, die vor ihnen standen, hinwegzusehen: biedere Handwerksmeister mit ihren Frauen und Gesellen, Knechte und Mägde, Botenjungen, Huren; und Bettler und sogar der Bischof war gekommen, um dem Schauspiel beizuwohnen.

Als man sie mit Stricken am Scheiterhaufen festgebunden hatte, richtete sie ihren Blick zum Himmel und ein kleiner Schillerfalter landete auf ihrem Gesicht. Er saugte an den salzigen Schweißperlen, die sich auf ihrer Stirn gebildet hatten, und sie rief den Gaffern zu: „Seht diesen herrlichen Schmetterling. Er kennt die Tücken und Grausamkeiten der Menschen nicht und ist gekommen, um mich zu trösten und uns mit seinem Anblick zu erfreuen.“

Im Kirchturm läuteten die Glocken und als das Glockengeläut verstummte, hörte man Trommelwirbel und Säbelrasseln und es erklang eine heilige Hymne, mannhaft gesungen von einer Handvoll Offizieren, die sich dem Kirchplatz mit schmissigen Paradeschritten näherten. Dann wurde es so still, daß man das Summen der Fliegen und Bremsen hören konnte und man sah einen Mann mit schwarzem Gehrock und Zylinder über den Kirchplatz huschen.

Der Bischof hatte seine Kutsche so postieren lassen, daß es nur noch ein paar Schritte bis zum Scheiterhaufen waren und neben ihm auf der roten Samtbank lag das Werk dieser Frau: ein widerwärtiges Pamphlet, das zwar nicht Gott selbst, aber seine Schöpfungsakte bösartig und radikal infrage stellte. Und das Schlimmste daran war, daß diese Frau das höllische Talent besaß, mit Worten umzugehen. Alles, was aus ihrem kleinen Kopf heraus sickerte und sie zu Papier brachte, triefte vor Spott und Hohn für alles Gottgegebene und Gottgewollte. Doch am Ende las es sich so, wie eine fundamentale, durch nichts zu erschütternde Wahrheit, und wahrscheinlich hatte ihr der Teufel persönlich die Feder geführt.

Der Bischof beugte sich aus dem Fenster und schenkte den Menschen, die auf dem Kirchplatz standen und zu ihm aufblickten, ein freundliches Lächeln. Dann deutete er mit der Hand ein Kreuzzeichen an und zog sich in die Kutsche zurück. Sein Sekretär hatte jetzt das Pamphlet der Ketzerin in der Hand und blätterte darin herum. Der Bischof legte den Kopf in den Nacken und sagte: „Dieses Weib hat die Hölle gesucht und gefunden. Gehen Sie nach draußen, Rufus, und zünden Sie den Scheiterhaufen an. Das Volk wartet schon voller Ungeduld. Die Welt hat bisher recht gut ohne Individuen wie sie leben können. Sie und ihr aufwieglerisches Werk, das ekelerregendes Ungeziefer zur Krone der Gottesschöpfung erhebt und damit seine Ehre auf scheußliche Weise befleckt, soll ihn nicht länger stören. Und wenn wir sie und ihr ekles Pamphlet an dieser Stelle verbrennen, können wir unser Tun mit einer gewissen Heiterkeit betrachten, denn Gott im Himmel schaut uns zu. Er ist beeindruckt von der Vernunft seiner Menschenkinder, weil sie sich gegen jene wenden, die meinen, seine Schöpfungsakte seien variabel und ganz kleine Tierchen über das Größte, was er erschaffen hat, den Menschen, stellen wollen.“

Der Schein des Feuers schimmerte auf den Mauern und Zinnen der Kathedrale wie Gold. Als die Flammen das Kleid der Ketzerin erfaßten, warf sie ihren Kopf in den Nacken, und jetzt drehte sich der Wind. Der Bischof hielt sich ein Schnupftuch vor die Nase und die Menschen auf dem Kirchplatz verzogen die Gesichter, denn sie rochen ein scheußliches Geruchsgemisch von verbranntem Holz und Haar und etwas ähnlichem wie angebrannter Schweineschwarte.

3

 

Anna Griesheim war Apothekerin, Ehefrau und Mutter einer Tochter, und außerdem interessierte sie sich leidenschaftlich für die Natur und ihre Geheimnisse. Es war ihr größtes Vergnügen, durch Wälder und Wiesen zu streifen, Spinnen, Ameisen und Spechten bei ihrer Arbeit zuzusehen, den Duft der Blumen zu riechen und dem Gesang der Vögel zu lauschen. Sie war fasziniert von den unglaublichen Wundern, die sie mit eigenen Augen sah: Aus häßlichen Puppen entstiegen strahlend schöne Schmetterlinge. Wasserläufer flitzten, ohne einzusinken, über die Wasseroberfläche eines Sees. Ein kleiner Vogel durchbrach die Schale eines Eies, um dann die Welt mit einem dünnen Piepsen von seiner Existenz zu unterrichten.

Wahrscheinlich wäre diese kleine unscheinbare Frau eines Tages still und ohne jedes Spektakel gestorben, wenn sie ihre Erkenntnisse für sich behalten hätte. Doch sie begann aufzuschreiben und zu malen, was sie draußen in der Natur erlebte. Ihre Naturbeschreibungen und -zeichnungen hatten im Laufe der Jahre einen stattlichen Umfang von etwa fünfhundert Seiten erreicht, und fast alles, was man dort lesen oder sehen konnte, war in der damaligen Zeit noch völlig unbekannt. Deshalb schickte Anna Griesheim ihr Manuskript an die zoologische Fakultät in Hagstadt und dort kam es in die Hände des stellvertretenden Fakultätsdirektors Dr. Meyerdiercks. Meyerdiercks begann es zu lesen und konnte nicht mehr aufhören. Nach Einbruch der Dunkelheit zündete er Kerzen an und las weiter und als in St. Katharina die Mitternachtsstunde schlug, war er mit seiner Lektüre fertig. Er schloß die Augen, sah durchs Fenster schräg nach oben auf den nächtlichen Sternenhimmel und war überzeugt, daß dieses Manuskript auf seinem Schreibtisch von einer Seltenheit und Kostbarkeit war, wie er sie nie wieder in seinen Händen halten würde. Was diese Frau bei ihren mühseligen Feldforschungen herausgefunden hatte, waren bisher völlig unbekannte, epochale Entdeckungen. Allein, wenn man die handwerklichen Fähigkeiten von Kleintieren betrachtet, kann einen der blanke Neid überfallen, dachte Meyerdiercks. Sie können nähen, ohne Nadel und Faden zu benutzen. Sie weben hauchdünne Seidenfasern, die der Mensch nicht annähernd so fein und haltbar herstellen kann. Sie verfügen über Klebstoffe, die denen des Menschen an Haltbarkeit bei Weitem überlegen sind und ... – er begann in seiner Schreibtischschublade nach einer neuen Kerze zu kramen, weil die alte vor ihm gerade auszugehen drohte – ...sie brauchen keine Zündhölzer oder stinkenden Kerzen wie wir, um Licht zu machen. Leuchtkäfer knipsen mir nichts dir nichts ein Lämpchen an, können damit sogar durch die Luft fliegen, und kein Wind kann es ausblasen. Ist das nicht einfach wunderbar?

So etwas durfte der Welt nicht vorenthalten bleiben. So etwas wußte selbst der gescheiteste Zoologe nicht, und woher denn auch? Der moderne Gelehrte lief ja nicht etwa mit Botanisiertrommel und Schmetterlingsnetz durch die Gegend, um eigene Feldforschungen zu betreiben. In der Regel saß er mit glühenden Augen hinter seinem Schreibtisch und schrieb das, was er später der Öffentlichkeit als sein ureigenes Werk präsentierte, von anderen modernen Gelehrten ab. Dabei mußte er natürlich vertuschen, daß er von anderen abgeschrieben hatte und deshalb suchte er nach gescheiteren Formulierungen wie sein armer Kollege, den er gerade um sein geistiges Eigentum beraubte, und was dabei herauskam, war die übliche Katastrophe, die Meyerdiercks hier Tag für Tag in seinen Händen hielt. Stapel von solchen zusammengestoppelten Plagiaten standen um ihn herum. Regale und ganze Bibliotheken waren damit gefüllt. Und jeder dieser Schreiberlinge war natürlich ein Genie! Ein ganz heller Kopf, wie dieser Dr. Kleist, Direktor dieser Fakultät und Meyerdiercks Vorgesetzter. Als der alte Fakultätsdirektor vor drei Jahren pensioniert wurde, hatte sich Meyerdiercks berechtigte Hoffnungen auf diesen Posten gemacht. Immerhin war er schon fast sechzig Jahre alt, anerkannter Wissenschaftler und in gewissem Sinne sogar zoologischer Pionier, denn er hatte entdeckt, daß die Große Stubenfliege Musca domestica kleine Saugnäpfe an ihren Füßen besitzt, mit denen es ihr mühelos gelingt, an einer Fensterscheibe hinaufzuwandern.

Kleist hatte noch nie etwas entdeckt. Allerdings hatte ein atemberaubendes Bändchen über das Paarungsverhalten der Erdkröte bufo bufo veröffentlicht, in dem Sätze wie dieser standen: „Die geschlechtliche Vereinigung von bufo bufo ist ein derartig ekliger, von purer Geilheit und Gier bestimmter Vorgang, daß es uns zivilisierte Menschen grausen muß, ihn anzusehen. Ich habe Verständnis für jene empfindsamen Männer und Frauen, die angesichts dieses barbarischen Verhaltens den Wunsch verspüren, dieses glotzäugige, runzlige und überaus häßliche Getier mit ihrer Schuhsohle zu zertreten.“

Wegen dieses Werkes hatte man Kleist natürlich nicht zum Institutsdirektor gemacht. Aber er war Mitglied in einem Gremium von Gelehrten, das die Kirche und den Bischof in Ethik- und Moralfragen vom Standpunkt der modernen Wissenschaft her beriet, und der Bischof hatte sich für ihn verwendet, als es um die Vergabe dieser Stelle ging. Für Meyerdiercks war das eine extrem häßliche Erniedrigung gewesen, an der er heute noch herumkaute. Er betrachtete noch einmal das Manuskript auf seinem Schreibtisch, das den Titel „Die Wunderwelt der Insekten“ trug. Ich will mich für diese Frau verwenden, dachte er. Ich will ihr behilflich sein, einen Verleger zu finden. Nur mein Vorgesetzter, Dr. Kleist, soll davon nichts erfahren, weil er ein ausgemachter Schwachkopf ist.

Meyerdiercks war so verzaubert von diesem Manuskript, daß er vergaß, es in seinem Schreibtisch einzuschließen, als er spät nach Mitternacht die Fakultät verließ. Dummerweise war Dr. Kleist am nächsten Morgen sehr viel früher in der Fakultät als sein Stellvertreter Dr. Meyerdiercks. Und Kleist hatte in dieser Nacht einen Alptraum gehabt, in dem man ihm vor einem erlauchten Gremium von Gelehrten die Schädeldecke abgehoben hatte, um nach seiner Intelligenz und Weisheit zu suchen. Aber was sich da präsentierte, war ein sehr häßlicher Anblick gewesen, denn durch die Spiralwindungen in seinem Gehirn floß nicht etwa flüssiges Gold. Sie waren vielmehr durch eine graue Masse verklebt, die auf eine fortschreitende Verwirrung schließen ließ. Demzufolge betrat Dr. Kleist die Fakultät an diesen Morgen nicht nur mit einer leichten Gemütsverdüsterung. Als er das Büro seines Stellvertreters Meyerdiercks betrat, sah das Manuskript auf dessen Schreibtisch und nahm es an sich. Wie immer, wenn er die Werke anderer begutachtete, saß er jetzt mit kritisch gerunzelter Stirn hinter seinem Schreibtisch und blätterte in „Die Wunderwelt der Insekten“ herum. Hin und wieder wackelte er mit dem Kopf. Dann murmelte er: „Da behauptet diese Dilettantin ernsthaft, am Kopf einer Wasserjungfer befänden sich tausende winzige Augen, mit denen dieses Tierchen gleichzeitig nach vorn, zur Seite und nach hinten blicken könne. Ohne dabei den Kopf zu drehen, wie sie meint ... Diese selbsterkorene Wissenschaftlerin hat eine beneidenswerte Phantasie.“

Dann war es Kleist, als wehe durch die Spiralwindungen in seinem Hirn plötzlich ein reinigender Luftstrom und gleichzeitig verspürte einen eisigen Zug im Nacken, als habe jemand die Tür aufgerissen. Er fegte sich die Perücke vom Schädel, denn er hatte das Gefühl zu schwitzen, und als Meyerdiercks, der eben eingetroffen war, zaghaft an seine Tür klopfte und sie dann, als sein Klopfen nicht erhört wurde, einen Spalt breit öffnete, bot sich ihm ein deprimierendes Bild: Sein Vorgesetzter saß mit kahlem Schädel und blaß wie eine Leiche über das Manuskript gebeugt. Kleist warf seinem Stellvertreter einen kurzen, gehässigen Blick zu und zischelte: „Wollten Sie mir dieses Machwerk etwa vorenthalten, Meyerdiercks? Bin ich Ihnen zu verstaubt, zu wenig progressiv, nicht mit der nötigen Phantasie begabt oder gar zu schwachsinnig für eine solche Lektüre? Hatten Sie gar die Absicht, es hinter meinem Rücken an die Öffentlichkeit zu bringen? Ich traue es Ihnen zu, Meyerdiercks! Sie fühlen sich der neuen Zeit verpflichtet, lauern auf meine Ablösung, weil Sie mich für einen altmodischen Trottel halten. Sie hegen Sympathien für Individuen wie diese Frau, die ohne einem wissenschaftlichen, ästhetischen oder gar moralischen Prinzip zu folgen, an allem herummäkeln und alles in Frage stellen, was seit ewig Bestand hat: Gott und der heilige Vater, der ihn auf Erden vertritt, die gottgewollte Monarchie, ja, unsere gesamte Weltordnung überhaupt, um es ganz kurz zu machen. Das Phantasieprodukt dieser Närrin trieft vor Blasphemie und Menschenverachtung! Ich bin angewidert, zutiefst angewidert, Meyerdierks!“

Meyerdiercks machte nicht den Versuch einer Auflehnung und ging still in sein Büro. Dort spießte er eine Mistkäferleiche mit einer Silbernadel auf und steckte sie auf eine rote Samttafel mit anderen Käferpräparaten.

Gegen Mittag verließ Dr. Kleist die Fakultät. Er hatte „Die Wunderwelt der Insekten“ in einer Tasche verstaut, die er sich von einem Bediensteten hinterher tragen ließ. Eine halbe Stunde lang lungerte er ungeduldig in der Empfangshalle vor dem Arbeitszimmer des Bischofs herum, verfolgt von den Augen eines Sekretärs, der ihn wie eine lästige Fliege musterte. Schließlich empfing ihn der Bischof mit einem schalen Lächeln in seinem Arbeitszimmer. Denn wenn dieser Kleist zu ihm kam, verhieß es meist nichts Gutes. In der Regel bejammerte er die chronisch defizitäre Lage seines Institutes und bettelte ihn dann um Geld an. Eine Unverfrorenheit! Die Kirche war kein Wohltätigkeitsverein. Das bißchen Geld, das sie mit dem Ablaßhandel verdient hatte, war längst ausgegeben, und außerdem hatte man karitative Verpflichtungen. So schlimm war die Lage inzwischen, daß man sich schon an diesem modernen Sklavenhandel, dieser Zwangsrekrutierung von Soldaten beteiligen mußte. Man konnte ja schon nachts nicht mehr ruhig schlafen, wenn man daran dachte, daß da ein braver Mann einfach seinem Weibe und seinen Kindern weggenommen wurde. Dann steckte man ihn in die Uniform irgendeines Fürsten oder gar in die der verfluchten Engländer, die ihn dann in eine von ihren Kolonien verschickten, wo er womöglich totgeschossen wurde. Wann würde dieser Mann das bloß begreifen!

Gottseidank verkniff sich Kleist diesmal seine Jammerei. Er holte mit spitzen Fingern das Manuskript aus seiner Tasche und ließ es vor dem Bischof auf den Schreibtisch gleiten. Dann blätterte eine Seite auf, verzog das Gesicht voller Empörung und sagte: „Da, Eminenz..!“

Der Bischof seufzte erleichtert und nahm eine Lupe vom Tisch. Strenggenommen verachtete er Leute wie Dr. Kleist, die sich immer wieder ungeniert in den Mittelpunkt des Interesses rückten, indem sie bei ihm auftauchten, mit Nichtigkeiten belästigten und felsenfest davon überzeugt waren, sie seien ein herrlicher Anblick für ihn. Der Bischof nahm die Lupe und begann zu lesen. Nach einer Weile verdunkelte sich seine Miene und er murmelte: „Ja, was lesen wir denn da..? Der Mensch sei eine dumme, bösartige, nutzlose, lächerliche und schmarotzerhafte Figur und als solche im Naturgefüge unbedeutender als ein Regenwurm, der immerhin durch seine verborgene Wühltätigkeit die Erdkrume auflockere und so die Saat zum Keimen bringe. Der Mensch sei zwar eine Kreatur aus Gottes Hand. Aber keinesfalls die Krone seiner Schöpfung oder gar sein Ebenbild. Solche Bezeichnungen seien viel zu anmaßend. Gott habe ihn zwar mit etwas Verstand gesegnet, aber im Großen und Ganzen als unfertiges Produkt seiner Schöpfung auf die Erde entlassen. Dabei habe er ihm den Auftrag erteilt, seinen Verstand zu mehren und sein Leben, das er ihm geschenkt habe, zum Besseren zu wenden. Diese Chance habe der Mensch verschlafen. Statt seinem Schöpfer im Himmel dankbar zu sein, habe er Stellvertreter auf Erden für ihn erfunden, und er unterwerfe sich weltlichen und kirchlichen Herrschern, die in ihrer Prunksucht und ihrem Unverstand überhaupt nicht in der Lage seien, ein Volk zu regieren... Nun höre sich das einer an!“ Der Bischof warf die Lupe in hohem Bogen durchs Zimmer und starrte dann an Kleist vorbei ins Leere. Er wirkte eine Weile wie erstarrt in seiner Empörung. Dann hob er wieder die Lupe, die ihm sein Sekretär aufgelesen hatte. Er las weiter und preßte das, was er gelesen hatte, stoßweise und angeekelt durch die Lippen: „Der Mensch sei völlig blind und abgestumpft gegen die vielen wunderbaren Beispiele im Naturgefüge, die Gott ihm zeige. Die Bienen hätten beispielsweise eine funktionierende Monarchie erfunden, mit einer Königin an der Spitze... die Ameisen einen höchst gerechten Sozialstaat, wie er dem Menschen völlig unbekannt sei... und das alles käme daher, weil diese winzigen Tierchen weder tückisch noch hinterhältig wie der Mensch und ihm letztendlich an Intelligenz und Weisheit überlegen seien...“

Der Bischof ließ sich in die Stuhllehne zurückfallen, rang um Fassung und tippte mit der Hand auf das Manuskript. Dann zog er die Hand schnell wieder zurück, daß sie nur noch rosig und zur Faust geballt unter dem Ärmel seines Gewandes hervorschaute und brüllte seinen Sekretär an, der seine Hände vor dem Geschlecht gefaltet hatte und wie eine Säule in der Ecke stand: „Rufus, stehen Sie nicht herum wie ein Idiot! Gehen Sie sofort zum Gerichtspräsidenten und veranlassen Sie, daß man mir dieses Satansweib herbringt, das Gott und seine Schöpfung auf derart infame, primitive und ekle Weise beleidigt!“    

Noch am gleichen Tag wird sie verhaftet und dem Bischof vorgeführt. Er brüllt sie an, sie möge ihre ungeheuerlichen Thesen widerrufen. Sie weigert sich. Man wirft sie in den Kerker, legt ihr Daumenschrauben an. Sie schweigt. Nach einer Woche wird sie als Ketzerin verurteilt und zum Scheiterhaufen geführt.

 

 

4

 

Für Alexander Griesheim, dessen Frau gerade auf dem Scheiterhaufen verbrannt war, brachte das tragische Ereignis eine gewisse Sinnesverwirrung mit sich. Aber er hatte zunächst nicht das Gefühl, daß sein Leben nun zu schierer Sinnlosigkeit verkommen würde. Alexander war Hutmacher und besaß ein Geschäft in der Hutmachergasse. Er hatte Anna vor zwölf Jahren geheiratet. Anna war verwitwet und hatte ihre vierjährige Tochter Lieselotte mit in die Ehe gebracht. Alexander betrachtete dieses Mädchen, das ihre Mutter zärtlich Lisa nannte, viele Jahre als Kuckucksbrut, denn sie wurde durch einen Hauslehrer unterrichtet, was er für eine kostspielige und unnötige Geldausgabe hielt aber notgedrungen akzeptieren mußte, weil seine Frau es finanzierte. Jetzt betrachtete Alexander seine Stieftochter nicht mehr als Kuckucksbrut, sondern mit allergrößtem Wohlgefallen, denn sie war eine wunderschöne junge Frau geworden.

Alexander hatte immer von einer Frau geträumt, die seinem Leben ein Wendung geben könnte, denn was er selbst vorzuweisen hatte, war fürchterlich gering. Selbst das von seinem Vater geerbte solide Geschäft in der Hutmachergasse hatte er binnen weniger Jahre an den Rand des Ruins gebracht. Als er Anna, noch im schwarzen Kleid und Witwenschleier, zum ersten Mal in ihrer Apotheke begegnete, glaubte er, wie schon so oft in seinem Leben, an eine glückliche Fügung, denn man munkelte, sie sei vermögend: eine Frau mit kantigen Gesichtszügen, schmalen Lippen und leicht zusammengekniffenen Augen, die enorme Willensstärke und Einsamkeit bezeugten. Durch das Gerücht, daß sie reich sei, bekam Anna eine immer mächtigere Anziehungskraft für Alexander. Es ging ihm nicht um reine Schönheit oder wahre Liebe. Er folgte ganz einfach einem höheren Prinzip, dem einzigen wahren und großen Gefühl, das tief in seinem Inneren schlummerte: die Sehnsucht nach unerschöpflichem Reichtum, Branntwein und prallen Frauenbrüsten. Das einzig Besondere an ihm war sein blendendes Aussehen und seine einzige Begabung bestand darin, daß er eine Frau besäuseln konnte, bis sie ihm seine Märchen von der großen Liebe glaubte und in dümmlicher Ergebenheit in seine Arme sank. Das war auch im Falle der verwitweten Apothekerin Anna so.

Anna beglich seine ärgsten Schulden, und am Anfang ihrer Ehe tat sie nach besten Kräften alles, um ihm eine gute Frau zu sein. Aber eines Tages zog sie ohne jede Erklärung aus ihrem gemeinsamen Schlafzimmer aus und richtete sich in einer Bodenkammer ihr Studierzimmer ein. Dort betrachtete Käfer- und Libellenleichen unter einem Mikroskop, und nachts, wenn sie allein auf ihrer Pritsche lag, dachte sie über das Gesehene nach und konnte vor lauter Glückseligkeit nicht schlafen.

Für Alexander war das keine Katastrophe, denn er hatte sich gerade eine neue Geliebte genommen, die Stallmagd eines Schweinezüchters. Es war zu diesem Zeitpunkt übrigens seine dritte gewesen, und wenn er jetzt, wo seine Frau tot war, einmal über die anderen Geliebten nachdachte, die im Verlauf seiner zwölf Jahre währenden Ehe noch dazugekommen waren, so bedeutete ihm diese Erinnerung nicht viel. Das Bild der Magd ließ sich nicht aus seinem Gedächtnis verdrängen, denn er war ihr in gewisser Weise treu geblieben. In Gedanken sah er sie nackt vor sich im Stroh über den Schweineställen liegen und ihr Körper sprach eine eigene duftende Sprache. Und wenn er die Strohhalme von ihr auflas und sie liebkoste, versuchte er die Nuancen des Aromas, das sie verströmte, zu ergründen: sie roch nach Milch und weichgekochten Futterrüben, er roch ihre Erregung und das Salz ihres verschwitzten Körpers.

 

 

5

 

Alexander hatte zugesehen, als seine Frau verbrannte. Er hatte mitten unter den Gaffern gestanden, und als der Feuerschein sich in den Gesichtern der Leute widerspiegelte, da erst wurde es ihm bewußt, daß seine Frau sich unwiederbringlich und für immer verflüchtigte. Einige Leute neben ihm gerieten in helle Begeisterung, klatschten in die Hände und stellten sich auf die Zehenspitzen, um besser sehen zu können. Andere hielten sich vor Entsetzen die Hände vors Gesicht. Dann prasselte ein Funkenregen auf die Leute herab und die Gestalt auf dem Scheiterhaufen sah aus wie ein glühender, verkrüppelter Baum. Mit dem rötlichen Schein schwanden die Schatten auf der Kathedrale. Ihre Türme und Mauern färbten sich wie von Gold überzogen. Dann erstickte eine dicke graue Rauchwolke die schimmernde Illusion und Alexander war es, als mache er zum ersten Mal im Leben eine Bekanntschaft mit der Ewigkeit. Er blieb noch eine Weile wie gelähmt stehen. Dann ging er ins Wirtshaus und betrank sich hemmungslos.

Beim Wein krampfte sich ihm vor Kummer das Herz zusammen. Er zog eine Bilanz aus seinen zwölf Ehejahren, und weil er seine eigene finanzielle Misere gleich mit dazu rechnete, war sie niederschmetternd. Statt mit einer vermögenden Frau war er mit einer Närrin verheiratet gewesen, die von den Zitterbeinen einer Spinne mehr fasziniert war, als von den Zärtlichkeiten ihres Gatten. Das Haus mit der Apotheke, die sie hinterlassen hatte, war mit Hypotheken belastet. Hinzu kamen die Hypotheken, die er für sein eigenes Haus aufnehmen mußte. Dazu das Geld, das er seinen Lieferanten und dem Gastwirt schuldete. Summa summarum blieb von seiner verstorbenen Frau nichts anderes übrig als ein paar Käferzeichnungen und ein verstaubtes Messingmikroskop, und das, obwohl er ihr die besten Jahre seines Lebens geopfert hatte, sie nur einmal nackt sah, als er sie beim Bad überraschte, mit Freundlichkeit und überwältigender Geduld ertragen und nie geschlagen hatte. Ach ja, dachte er, als eine Träne in sein Weinglas tropfte, fast hätte ich es ja vergessen, das süße kleine Ding, das sie mir noch vererbt hat und vermutlich zu Hause auf mich wartet: ihre Tochter, die mir jetzt anhängt wie ein Klotz am Bein. Wozu brauche ich sie überhaupt? Er wußte es nicht. Denn nun, wo sie zu einer begehrenswert schönen jungen Frau herangewachsen war, ertappte er sich dabei, daß ihn jedesmal, wenn er sie ansah, die Nebel eines süßen Traumes umfingen. Aber das verlorene süße Kind, das ihrer Mutter nacheiferte und sich eine Kröte im Glas hielt, die sie mit Fliegen fütterte, wäre darüber sehr verwundert gewesen. Ihr herrlicher Anblick hatte nämlich etwas, das ihn zur Vorsicht mahnte. Schon beim Versuch, sie mit väterlicher Geste an seine scheinheilige Brust zu drücken, umklammerte sie den Brieföffner ihrer Mutter wie einen Dolch, und wenn er seinen Verstand zusammennahm, wurde ihm klar, daß sie ihn verachtete.

 

 

6

 

Alexander hatte schon zu Lebzeiten seiner Frau kein Bein auf die Erde gebracht. Jetzt pendelte er nur noch zwischen seiner Wohnung und dem Wirtshaus hin und her. Im Wirtshaus stand er inzwischen mit über fünfzig Flaschen Wein in der Kreide, und wenn er trank, kam Wärme in sein Inneres. Alle Bedrohungen und Sorgen waren aufgehoben und die Welt war gut zu ihm. Doch er wußte, daß auch diese Idylle nicht verläßlich war. Jahrelang war dieses Wirtshaus die Heimat für seine Gefühle gewesen. Inzwischen aber bettelte er dort um jede Flasche Wein und litt unter der Erniedrigung durch einen Gastwirt, der ihm zu verstehen gab, daß er unbeliebt und lästig war.

Eines Tages, als er seine Wohnung verließ und auf der Straße stand, riet ihm sein inneres Orakel, die geplante Zechtour abzubrechen. Er öffnete seinen Laden, der im gleichen Haus unter seiner Wohnung lag. Im Laden herrschte ein Chaos wie nach einem Wirbelsturm, und der hatte Dessous, Strümpfe, Handschuhe und bestickte Taschentücher in alle Ecken verweht. Man stolperte über Gehstöcke, Hutschachteln und eingerollte Teppiche, stieß gegen wacklige Ständer mit verstaubten Hüten und Perücken. Allerdings sah Alexander in diesem grauenhaften Durcheinander auch einen gewissen Schutz gegen die heftigen Strömungen, die ihm von draußen drohten. Er hatte sich grundsätzlich angewöhnt, seinen Laden von innen zu verschließen und wenn er sich in die hintere Ecke zurückzog, war er für Leute, die vor der Tür standen, praktisch unsichtbar. So konnte er frühzeitig erkennen, ob es sich dabei um einen Kunden oder Gläubiger handelte. Wenn er einen Kunden identifizierte, flitzte er natürlich sofort nach vorn, um die Tür zu öffnen. Wenn er einen Gläubiger sah, zog er sich noch tiefer in sein Versteck zurück, und wenn er durch die verschlossene Tür eine ärgerliche Stimme hörte, die von höchster Unkorrektheit sprach, nahm er sich vor, sich zu schämen, sobald er die Zeit dazu fand.

Alexander beschloß nun doch, ins Wirtshaus zu gehen und verschloß seinen Laden. Es war ein strahlend schöner Sommertag, und wer um Himmelswillen sollte ausgerechnet bei diesem Wetter einen Hut oder Zylinder kaufen? Und wer überhaupt sollte noch sein Geschäft aufsuchen, wo es nur drei Häuser weiter einen neuen Hutmacherladen gab. Alexander hatte zweimal vor den großen goldgerahmten Schaufenstern gestanden und verstohlen ins Ladeninnere geblickt und er wußte, wer hier am Werk war: jemand, der sein Geschäft aufs Trefflichste beherrschte. Bei Alexander im Laden gab es altmodische, gedrechselte Ständer, auf die er die Hüte und Perücken stülpte. Dieser Mensch benützte dafür neumodische Schaufensterpuppen, die sich von richtigen Menschen nur beim genauen Hinsehen unterschieden und sie waren herausgeputzt wie Narren. Neben Zylindern und Hüten trugen diese Figuren auch Kleider und Schuhe, und zwar von solcher Disharmonie, daß es Alexander in einen Zustand von Verblüffung, ja Bestürzung versetzte. Doch die Kunden fanden ganz naiv Geschmack an diesen Dingen. Aber das war nicht der eigentliche Grund, warum sich Alexanders Laden mehr und mehr entvölkerte.

Als Alexander auf der Straße stand und über die Hausfassade hinauf zum blauen Himmel blickte, sah man seinem Gesicht an, daß seine innere Verletzung gewaltig war. Ich bin erledigt, dachte er. Wenn es diesen verfluchten neumodischen Laden nicht gäbe, wäre alles anders. Ich hätte das Steuer herumgerissen und mein Geschäft schon wieder auf Vordermann gebracht. Ich hätte meine Liquiditätsschwäche überwunden, mir etwas einfallen lassen, damit mein Leben einen neuen Aufschwung nimmt. Jetzt kommt ein Genickschlag nach dem anderen: Meine geliebte Frau ist tot, und wenn ich ins Wirtshaus gehe, muß ich den Wirt um eine Flasche Wein anbetteln. Womit habe ich das verdient? Warum ist das Schicksal so grausam zu mir?

Alexander war den Tränen nahe. Hinter sich hörte er Hufgeklapper und das knarrende Geräusch von Wagenrädern. Er drehte sich um und direkt vor ihm hielt eine elegante schwarze Kutsche, gezogen von vier Schimmeln mit roten Federbüschen auf den Köpfen. Als der Kutscher vom Bock sprang und die Tür aufmachte, erstarrte Alexander. In der Kutsche saß der Bischof und auf der Bank gegenüber Rufus, sein Sekretär. Der Bischof war in ein purpurnes Gewand gehüllt. Rufus, ein arroganter Franziskanermönch, trug eine braune Kutte. Aus der Kutsche entfloh eine Weihrauchwolke, die Alexander leicht benommen machte. Der Bischof lächelte ihn freundlich an und streckte ihm seine rosige Hand entgegen. Alexander nahm eigentlich nur einen Ring war mit seiner Masse von glitzerndem Gold und einem wunderbaren Stein, der bewirkte, daß er mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund dastand. Als der Bischof ungeduldig mit der Hand wackelte, griff Alexander fest mit beiden Händen zu. Dann schüttelte er die Hand des Bischofs, und zwar so, daß es lästig wurde. Der Bischof hatte Mühe, seine Hand aus der Umklammerung zu befreien.

Rufus, der Sekretär des Bischofs, beugte sich aus der Kutsche und fauchte Alexander an: „Du sollst nicht die Hand des ehrwürdigen Herrn Bischofs schütteln. Du sollst seinen Ring küssen, Schafskopf!“

„Lassen Sie ihn nur, Rufus“, sagte der Bischof mild. „Vielleicht hat man ihn nicht im rechten Glauben erzogen. Er kennt sich mit dieser Art Gnadenbezeugung nicht aus, was eigentlich nicht verwundert, da er der Mann dieser Ketzerin ist.“ In der gleichen freundlichen Art wandte er sich an Alexander: „Du bist der Mann der Ketzerin, nicht wahr?“

„Ja... Herr... ihr Mann...“, stammelte Alexander.

„Nun, ich bin gekommen, um mich nach deinem Befinden zu erkundigen. Auch wenn deine Frau eine Ketzerin und Sünderin war, verweigert die Kirche ihren Beistand denen nicht, die ihr nahestanden. Kann ich dir irgendwie behilflich sein, mein Sohn?“ Der Bischof musterte Alexander von Kopf bis Fuß. Er sah ziemlich heruntergekommen aus. Seine innere Verwahrlosung drang langsam nach außen durch. Seine Kleidung war schmuddelig, die Haare verfilzt, die Fingernägel abgekaut. Jetzt machte er tatsächlich Anstalten, den Bischofsring zu küssen. Aber der Bischof zog seine Hand sofort zurück. Alexander sah, daß ihn der Bischof nicht mitleidig, sondern mit größtem Unbehagen betrachtete. Deshalb fiel er jetzt vor der Kutsche auf die Knie, faltete die Hände und flehte: „Bitte helfen Sie mir, hochwürdiger Herr Bischof, ich bin am Ende!“

„Ich glaube dir, daß du am Ende bist. Auch mich hat der Tod deiner Frau zutiefst erschüttert. Es ist mir wahrhaftig nicht leichtgefallen, das Urteil, das der Gerichtshof über sie gesprochen hat, zu billigen. – Wie also kann ich dir helfen, mein Sohn?“

„Ich weiß nicht mehr weiter. Ich kann nachts nicht mehr schlafen. Ich werde noch verrückt. Ich denke manchmal daran, mir einen Strick zu nehmen ...“

„Nun hör schon auf“, fuhr ihm der Bischof inmitten seiner schauerlichen Aufzählungen ins Wort. „Deine Jammerei ist grauenhaft. Soll ich dich vielleicht auf den Schoß nehmen und trösten wie ein kleines Kind? Oder was erwartest du?“

„Mit ein bißchen Geld wäre mir bereits geholfen.“

„Pah!“ Der Bischof verzog das Gesicht. „Du bist an meinem geistlichen Beistand überhaupt nicht interessiert. Du willst einfach nur Geld von mir. Ich hätte es mir denken können. Und wenn ich dir Geld gebe, trägst du es ins nächste Wirtshaus und vertrinkst es. Wahrscheinlich warst du ohnehin auf dem Weg dorthin. Denn welcher ehrbare Handwerker verschließt schon um diese Tagesstunde sein Geschäft?“

„Es geht nicht um mich, ehrwürdiger Herr. Ich brauche das Geld für meine Tochter.“

„Was denn, du hast eine Tochter? Davon wußte ich ja gar nichts.“

„Sie ist die Tochter meiner Frau.“

„Jetzt mach mich nicht konfus“, sagte der Bischof ungehalten.

„Wie ich schon sagte, ehrwürdiger Herr Bischof. Sie ist die Tochter meiner Frau. Sie hat sie mit in die Ehe gebracht.“

„Also ist sie deine Stieftochter. Wie alt ist sie?“

„Sechzehn Jahre, ehrwürdiger Herr.“

„Aha. Das macht die Sache allerdings etwas brisant. Denn wenn sie erst sechzehn Jahre alt ist und nicht dein eigen Fleisch und Blut, muß man sie gewissermaßen als ein Nichts bezeichnen. Sie ist ein Mündel. Sie braucht einen Vormund, einen charakterfesten Menschen, der sie im rechten Glauben erzieht und ihr den Weg ins Leben ebnet. Jetzt, wo ich dich kenne, habe ich Zweifel, ob du die geeignete Person für eine derart verantwortungsvolle Aufgabe bist. – Kann ich das Kind einmal sehen?“

„Natürlich, ehrwürdiger Herr. Ich hole sie.“

Alexander war im Haus verschwunden. Kurze Zeit später tauchte er mit Lisa wieder auf und zerrte sie zur Bischofskutsche.

Lisa hielt eine Rose in ihren Händen, die einen süßen, angenehmen Duft verbreitete. Vor der Kutsche machte sie einen Knicks, und dem Bischof, der für einen kurzen Moment eingenickt war und jetzt wieder die Augen öffnete, war es, als nähme ihn der Teufel bei der Hand und geleite ihn durch seinen Lustgarten, der dann durch einen Hinterausgang direkt zur Hölle führte. Der Bischof blickte auf zwei wunderschöne Frauenbrüste oder vielmehr auf das, was da rund und fest aus Lisas Mieder quoll und einen Mann, selbst wenn er ein Bischof war, betörte und in gewissem Sinne hilflos machte. Er wußte natürlich, daß man die verlockenden Früchte, die einem der Teufel entgegenhielt, mit irdischer Demut zurückweisen mußte. Aber seine sündigen Gedanken verzauberten ihn derart, daß es ihm zunächst heiß und dann eiskalt über den Rücken lief. Er rieb sich den Bauch und schürfte sich das Knie. Dann hatte er seinen peinlichen Anfall überstanden und blickte auf die Rose in Lisas Händen.

„Was hast du damit vor, mein Kind?“

„Es ist die Lieblingsblume meiner Mutter, ehrwürdiger Herr. Wenn Sie erlauben, mache ich sie Ihnen zum Geschenk.“

Dieses Mädchen ist sonderbar, dachte der Bischof. Es will mir diese Rose schenken. Obwohl es weiß, daß ich am Tod seiner Mutter nicht unwesentlich beteiligt bin. Vielleicht aber besitzt es die Weitsicht zu erkennen, daß mich mein hohes Amt dazu verpflichtet hat. Dieses Kind scheint mir so unwiderstehlich naiv und unverdorben, daß ich ihr dieses Geschenk nicht abschlagen kann. Er nahm die Rose und beschnupperte sie. Dann wandte er sich an Alexander und sprach mit autoritärer Stimme: „Ich persönlich werde mich um dieses Kind kümmern! In meiner Küche wird man Verwendung für sie finden. Dort kann sie Kartoffeln schälen und das Geschirr abwaschen. Außerdem kann sie sich beim Hüten der Schweine nützlich machen, die Spucknäpfe und Nachttöpfe entleeren und wenn sie sich gut führt, darf sie an den Poesieabenden in meinem Haus teilnehmen. In meiner Eigenschaft als Seelenhirte werde mich zudem um ihre Erziehung im rechten Glauben und ihr geistiges Fortkommen kümmern. – Ist dir das recht?“

„Ja... Herr...“, stammelte Alexander. „Nur ...“

„Was nur?“

„Was wird aus mir, in meiner Not?“

„Ach ja. Du willst ja Geld von mir. Aber weißt du, mein Sohn, es mag dir komisch erscheinen, doch ich habe kein Geld. Ich habe noch nie welches besessen. Ein Bischof braucht nämlich für sein privates Leben kein Geld. Ich besitze noch nicht einmal eine Geldbörse. Trotzdem will ich dir helfen. Morgen früh schicke ich dir meinen Sekretär um sie“- der Bischof deutete auf Lisa – „abzuholen. Mein Sekretär wird dir einen Betrag aushändigen, über dessen Höhe ich noch nachdenken muß. Und dann soll sie“ – der Bischof deutete erneut auf Lisa – „ihr Bündel geschnürt haben und ihn erwarten.“

Der Bischof zog die Tür der Kutsche zu. Alexander und Lisa standen noch eine Weile auf der Straße sahen der Kutsche nach. Dann ging Lisa ins Haus zurück. Alexander, froh über den kleinen Lichtstrahl, der plötzlich in sein Leben fiel, trottete in Richtung Wirtshaus davon.  

 

 

7

 

Lisa hatte noch am gleichen Abend ihr Bündel gepackt. Doch am nächsten Morgen wartete sie vergeblich auf Rufus, den Sekretär des Bischofs. In der vergangenen Nacht hatte ein verheerendes Feuer die halbe Stadt verwüstet. Die Brandkatastrophe nahm im Palast des Bischofs ihren Anfang, und ausgelöst wurde sie durch eine Fliege der Gattung Calliphora vicina.

Der Bischof hatte bis kurz vor Mitternacht an seinem Schreibtisch gesessen und einen Brief an den Heiligen Vater geschrieben, um ihn über die Verbrennung der Ketzerin in Kenntnis zu setzen. Diese Arbeit hatte in derart angestrengt, daß er nun einen brennenden Schmerz rund um die Augen spürte und er suchte noch nach einem Einfall für einen geeigneten Schlußsatz, der nicht kam. Er betrachtete die Rose, die ihm das sonderbare Mädchen geschenkt hatte und in einem Glas auf seinem Schreibtisch stand. Die Blüte der Rose hatte sich erst mit Beginn der Dunkelheit voll entfaltet, und das war merkwürdig, denn es schien, als habe sie sich den ganzen Tag damit zurückgehalten. Als in St. Katharina um Mitternacht die Turmuhr schlug, umklammerte der Bischof die Rückenlehne seines Stuhles mit beiden Händen und murmelte gähnend: „Ich mache diese nächtliche Tortour nicht mehr länger mit. Das Erscheinen eines guten Schlußsatzes läßt sich nicht erzwingen, und das bringt mich auf die Idee, ins Bett zu gehen.“ Er beugte sich über die Kerze auf seinem Schreibtisch und wollte sie ausblasen. Dabei fiel sein Blick noch einmal auf die Rose, und ihr Anblick bewirkte, daß jetzt auch das Bild des Mädchens, das sie ihm geschenkt hatte, wieder ins Spektrum seiner Erinnerungen trat. Er wollte nicht an das denken, was er in der Kutsche gedacht hatte. Aber seine Gedanken wucherten mit großer Geschwindigkeit, und wieder war er von ihnen auf wunderbare Weise beseelt und auf bedrückende Weise entsetzt. Sein Blick war noch immer auf die Rose gerichtet und jetzt sah er, daß zwischen den Blütenblättern eine Fliege hervorkroch und ihn betrachtete. Das Insekt starrte ihn mit seinen roten Wabenaugen an, und der Bischof, der seine Gedanken mühsam gezügelt hatte, betrachtete es voller Ekel und verscheuchte es mit einer schnellen Handbewegung. Im nächsten Moment dachte er an das Tintenfaß, das auf dem Schreibtisch stand. Er hätte es mit dem herunterhängenden Ärmel seines Gewandes umstoßen können, und das war passiert. Die Tinte hatte sich über das Schreiben an den Heiligen Vater ergossenen, ein Malheur, das sich überhaupt nicht mehr gutmachen ließ. Der Bischof zündete zwei weitere Kerzen an, stellte eine auf die Fensterbank und die andere auf ein kleines Tischchen, um sein Arbeitszimmer besser auszuleuchten. Dann suchte er nach einer Fliegenklatsche. Die Fliege saß jetzt gemütlich auf einer schweren Quastengardine vor dem Fenster. Der Bischof sah zu ihr hin, betrachtete dann das Malheur auf seinem Schreibtisch und murmelte: „Unglaublich!“ Er pirschte sich an die Fliege heran, die Fliegenklatsche hoch erhoben in der Hand. Vor der Gardine stehend überprüfte er noch einmal die Schlagrichtung der Fliegenklatsche. Die Richtung stimmte. Alles stimmte, und das Geschmeiß da auf der Gardine glotzte ihn seelenruhig an und ahnte nicht, daß es mit ihm zu Ende ging. Der Bischof hielt die Luft an und preßte die Lippen aufeinander. Dann schlug er zu, hörte es leise summen und dann sah er die Fliege wieder auf dem Schreibtisch sitzen. „Unglaublich!“ murmelte er erneut. Seine Augen glänzten fiebrig, das Zeichen seines heiligen Zorns. Er hob wieder die Fliegenklatsche und schlich sich auf Zehenspitzen an die Fliege heran. Gleichzeitig verhedderte er sich mit dem Saum seiner Soutane in der Gardine und riß sie herunter. Als sie auf den brennenden Kerzenleuchter fiel und Feuer fing, bemerkte er es nicht. Mit jedem mißlungenen Schlag nach der Fliege wurden seine Bewegungen jetzt wütender und unkontrollierter, bis ihn nur noch die blanke Wut beherrschte. Und dann kam er auf die Idee, daß es das barbarische Leben dieser Fliege es nicht wert sei, um diesen entwürdigenden Tanz hier aufzuführen. Er blickte zum Fenster und sah die glühenden Silhouetten von St. Katharina am Nachthimmel. Das rote Licht entflammte die Seidentapete in seinem Zimmer, und er schnupperte an seiner Soutane und fand, daß sie merkwürdig roch. Unter einer dunklen Rauchwolke stürzte jetzt der höchste Turm der Kathedrale ein. Nun nahm er das Feuer wahr und das war der Zeitpunkt, wo sein Arbeitszimmer bereits in hellen Flammen stand. Er versuchte in seine Privatgemächer zu fliehen, und als er eine Tür aufriß, krachte, fauchte und zischte es. Ein Funkenregen hüllte ihn ein. Dann fiel ein brennender Balken herab und erschlug ihn auf der Stelle.

Der Bischofspalast brannte vollends nieder und ebenso die angrenzenden Gebäude: das Rathaus, die Kathedrale und die zoologische Fakultät. Ganz gegen seine Gewohnheit saß Dr. Kleist noch an seinem Schreibtisch, als ihn das Feuer überraschte. Er rannte eine brennende Treppe hinunter, die unter ihm zusammenbrach. So entkam er den Flammen, brach sich dabei allerdings das Genick.

Im Rathausarchiv verbrannten alle Bücher, in denen die Geschichte der Stadt seit Jahrhunderten sorgsam aufgeschrieben wurde, und auch später sollte diese Stadt in den Geschichtsbüchern keine Erwähnung mehr finden. Hagstadt entvölkerte sich, denn die Leute zogen fort, wie unter magischem Zwang. Ihre Häuser verfielen; einige wurden noch für ein paar Jahre von Wegelagerern, Ratten und entflohenen Häftlingen bewohnt. Dann brachen auch die Mauern der letzten Gebäude zusammen und wurden vom Dickicht überwuchert. Die Wölfe kehrten zurück und erkundeten witternd das Revier, das nun wieder ihnen gehörte. Aber an das, was vorher war, erinnerten sie sich nicht. Ihr Leben ging weiter, als sei nichts geschehen.

 

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