Krall: Ein Leben für den Bergbau

14,98
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Dramatik und Alltag Über- und Untertage

Diese Buch mit biographischen Zügen zeigt das Leben und den mühsamen Weg eines Bergmannes, der ohne ordentlichen Schulabschluß im Steinkohlebergbau eines französischen Bergwerks begann. Es zeichnet den Werdegang vom Kumpel zum Abteilungsleiter und stellvertredenden Führer der Werksgrubenwehr einer Ruhrgebietszeche. Eindrucksvoll und teils hochspannend werden Geschehnisse und die Arbeitsverhältnisse im Bergbau der Nachkriegszeit geschildert: Das dramatische Ereignis eines Grubenunfalles, tragische Ereignisse Über- und Untertage, der Zusammenhalt der Bergmänner, das Miteinander, die Wandlung der Arbeitswelt durch Modernisierung in den folgenden Jahrzehnten. Ein Buch über die Welt Über- und Untertage, dass es in sich hat – authentisch, unverblümt und spannend.

 

Horst Krall: Ein Leben für den Bergbau, Broschur, ca. 155 S., € 14,95, ISBN 978-3-86992-037-5

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Leseprobe:

 

1.    Wohnheim Pöppinghausen

 

Als ich 1949 im Oktober auf der Zeche König Ludwig I-II in Recklinghausen-Süd meine Arbeit aufnahm, schrie alles nach Kohle. Fast alle Kraftwerke waren auf Kohle angewiesen, denn die Atomkraft steckte noch in den Kinderschuhen. Kraftwerke, die auf Erdöl als Energielieferanten zugriffen, waren in Deutschland so gut wie noch nicht vorhanden. Nur in einigen Versuchsanlagen wurde mit Uran experimentiert. Alles rief nach Kohle, über die Gestehungskosten redete kein Mensch. Die damals arbeitenden Gaskraftwerke produzierten Kokereigas und das war genau so knapp, weil es ja aus Kohle gewonnen wurde. Das in den Steinkohlebergwerken anfallende Erdgas spielte für die Öffentlichkeit noch keine Rolle.

Um alle Möglichkeiten der Steinkohlebergwerke auszuschöpfen, waren Menschen erforderlich. Die Arbeitsämter wurden angehalten, alle nur einigermaßen geeigneten Männer an die Gruben zu vermitteln. So kamen damals viele junge Männer aus revierfernen Gegenden, z. B. aus Ostfriesland, ins Ruhrgebiet, um dort Kohle zu fördern. Da sie fast alle noch ledig waren, bot sich eine Unterbringung in Wohnheimen an, die bei den Zechen vorhanden waren oder schnell gebaut wurden. Auch für die Verpflegung wurde gesorgt. Alle mir bekannten Wohnheime hatten eine große Küche, die für alle Bewohner täglich eine warme Mahlzeit zubereitete. Außerdem gab es einen Laden, in dem sich alle Bewohner mit den Kleinigkeiten des täglichen Lebens eindecken konnten. Diese Läden hatten außerdem eine meist unterschätzte Eigenschaft: Man konnte auf Kredit kaufen!

Wenn das Geld mal wieder lange vor dem nächsten Zahltag alle war, konnte man dort auf Kredit alles Nötige bekommen. Um seine Dankbarkeit auszudrücken, hat dort mancher Dinge gekauft, die er sonst nie erworben hätte.

Ich verstehe heute noch nicht, warum man vor vielen Jahren bei den Sklaven in Nordamerika nicht zur gleichen Methode gegriffen hat. Bei unserer damaligen Auffassung von Anständigkeit und Moral war es selbstverständlich, dass man seine Schulden am nächsten Zahltag beglich. Auch wenn man 2 Tage später neue machen musste!

Alles Mögliche wurde auf Kredit gekauft. Der normale Schichtlohn war so niedrig, dass der Kauf eines Anzuges oder eines Wintermantels ohne langen Konsumverzicht nicht möglich war. Da bot sich ein Ankauf auf Kredit ja förmlich an. Dass man dafür gesalzene Zinsen bezahlen musste, spürte man ja erst später.

 Die Lage der Wohnheime, meist abgelegen auf zecheneigenem Gelände, war ein Grund für den Einkauf im Lager, wie die Wohnheime allgemein genannt wurden. Es lohnte sich nicht, für den Kauf eines Kammes oder einer Tube Zahnpasta nach Recklinghausen-Süd zu laufen. Ein Fahrrad besaßen nur ganz wenige. Man konnte es auch nirgends unterbringen. Wenn man nicht damit fuhr, stand es im Flur der Baracke. Und der war nicht so groß, dass mehrere Räder dort stehen konnten.

Um pünktlich zur Arbeit und zurückzukommen, benutzten wir die Zechenbahn. Einige Personenwagen gehörten zu jedem Zug, der Kohle zum Kanalhafen am Rhein-Herne-Kanal brachte, und dabei am Lager Pöppinghausen vorbeifuhr. Auch wenn keine Kohle zum Hafen gebracht werden musste, fuhr der Zug regelmäßig, um die Bergleute aus dem Lager pünktlich zur Arbeit und wieder zurückzubringen.

Die meisten Bergleute fuhren um 6 Uhr, 14 Uhr oder 22 Uhr an und auch wieder aus. Aber es gab auch Betriebe, die rund um die Uhr besetzt waren. Dann wurde um 6 Uhr, um 12 Uhr, um 18 Uhr und um 24 Uhr angefahren. Die Ablösung der Mannschaften erfolgte dann „Vor Ort“, das heißt, direkt am Arbeitsplatz.

Durch die Einführung der 7-Stunden-Schicht bei erhöhter Temperatur vor Ort gab es eine weitere Zunahme der An- und Abfahrten am Schacht. Bei einer großen Grube war praktisch an jeder vollen Stunde „Seilfahrt“ am Schacht, wie die Personenbeförderung hieß.

Die Zeche „König Ludwig I-II“, in der ich arbeitete, war nur eine mittelgroße Anlage. Außer den Schächten I / II gehörte ein Außenschacht, der Grullbadschacht, und ein Wetterschacht dazu.

 Das Grubenfeld, das der Grullbadschacht erschloss, war ein gepachtetes Grubenfeld der Nachbaranlage. In diesem Grubenfeld waren die Flöze von flach bis steil oder halbsteil gelagert.

Am „Alten Schacht“, wie die Hauptanlage im allgemeinen Sprachgebrauch genannt wurde, wurden die Flöze der Fettkohlengruppe abgebaut, während am Grullbad-Schacht die Flöze der „Gasflammkohle“ anstanden. Dieser Unterschied ist nur zu erklären, wenn man weiß, dass durch geologische und tektonische Störungen die einzelnen Flöze gegeneinander verschoben worden sind. Unsere Mutter Erde war hier nicht immer so ruhig und unbeweglich, wie es heute zu sein scheint.

In der steilen Lagerung wird der Abbau nach ganz anderen Methoden geführt als in der flachen Lagerung. Die heutigen Methoden, Hobel und Schrämmaschine, waren damals noch in der Entwicklung. Damals wurde fast überall die Kohle vom „Kohlenhauer“ mit dem Abbauhammer gelöst und fiel auf die Versatzböschung, auf der sie bis in den Ladekasten rutschte. Unser größtes Problem bei der Gewinnung war die Staubentwicklung.

Nach dem Lösen mit dem Abbauhammer fiel die Kohle ja bergab bis auf die Böschung. Dabei traf sie auf viele Stempel, prallte ab und fiel weiter, bis sie die Böschung erreicht hatte. Bei diesem Absturz zerfiel sie in Staub und immer kleiner werdende Stücke. Erschwerend kam hinzu, dass der Wetterstrom entgegengesetzt von unten nach oben zog. Das hatte zur Folge, dass man auf der Gewinnungsschicht kaum die Hand vor Augen sah, so staubig war die Luft. Um jede Grubenlampe wurde der erhellte Bereich immer kleiner, je mehr Staub sich entwickelte. Diesen Staub atmeten wir ein. Alles an uns war schwarz. Aber nicht nur die Haut außen! Der Staub war so fein, dass er in jede Pore eindrang. Meine Nase hatte so viel Staub eingeatmet, dass sie innen ganz trocken war. Man hatte das Gefühl, dass die Nase durch einen trockenen Schlauch mit der Lunge verbunden war.

Jetzt verstand ich auch, warum so viele Bergleute stets eine kleine Porzellanflasche mit Schnupftabak in der Hosentasche hatten! Wenn die Nase durch die große Menge Staub, die sie hatte einatmen müssen, innen ganz trocken geworden war, konnte man durch den Reiz des Schnupftabaks die Schleimhäute innen wieder mit Flüssigkeit versorgen. Wenn man sich jetzt die Nase putzte und versuchte, möglichst viel von dem Kohlenstaub wieder loszuwerden, kam allerhand heraus. Doch diese kleine Erleichterung hielt nicht lange an. Bald war man gezwungen, mit Hilfe von Schnupftabak, die Nase wieder auszublasen.

***

Zu Beginn meiner bergmännischen Arbeit war die Schüttelrutsche das am meisten verbreitete Fördermittel in der mäßig geneigten Lagerung. Erst allmählich verdrängte sie der „Panzerförderer“, kurz „Panzer“ genannt. Er konnte auch bei vollkommen flacher Lagerung eingesetzt werden, ja in einigen Streben musste er sogar bergauf fördern!

Die Schüttelrutsche hatte bei geneigter Lagerung des Kohlenflözes einen großen Vorteil. Sie wurde durch Druckluft angetrieben. Das war zwar eine teure, aber schlagwettersichere Antriebsart. Unter „Schlagwetter“ versteht der Bergmann ein explosionsfähiges Gemisch aus Luft und dem aus der Kohle und dem Nebengestein austretenden Methangas, kurz CH4 genannt.

Durch meine Arbeit in einer französischen Steinkohlengrube war ich ja schon an den Grubenbetrieb gewöhnt. Meine Arbeitskleidung in der deutschen Grube war zwar etwas anders als in Frankreich. Statt des flachen Lederhelmes, der an die Stahlhelme britischer Soldaten erinnerte, trugen die Bergleute in Deutschland damals eine Kappe aus Leder.

Diese Kappe saß fester auf dem Kopf als der flache Helm in Frankreich. Sie hatte aber auch Nachteile. Wenn sie am Ende der Schicht durch Schweiß oder Tropfwasser nass war, war es gefährlich, beim Einsteigen in den Zug mit dem Kopf an den Fahrdraht zu stoßen! Dann erhielt man einen elektrischen Stromschlag, der zwar nicht tödlich, aber nicht von schlechten Eltern war!

  Erst die nach einigen Jahren eingeführten Sicherheitshelme aus Plastik schlossen diese Gefahr aus!

An den Füßen hatten wir in Frankreich „Espadrilles“ getragen. Das waren ganz leichte Schuhe aus Stoff mit einer aus Bindfäden geflochtenen Sohle. In der deutschen Grube bekam ich hohe Lederschuhe, deren Spitze durch eine Stahlkappe verstärkt war. Mit diesen Schuhen an den Füßen wäre mir der Unfall in Frankreich, bei dem ich mir den rechten großen Zeh zertrümmert hatte, erspart geblieben! Diese Lederschuhe waren zwar schwerer an den Füßen als die alten „Espadrilles“, aber viel sicherer! Genau so war es mit dem Kopfschutz, dem Lederhelm. Hatte man diesen auf dem Kopf und ein Stein fiel darauf, so schützte diese feste Hülle den Kopf und es passierte weiter nichts.

Wenn man auf den französischen Helm einen Stein bekam, fiel der fast immer sofort vom Kopf. Folgte dem ersten Stein ein zweiter, war der Kopf ungeschützt!

 

1949, als ich meine Arbeit in einer deutschen Grube begann, gab es dort noch eine Bevorzugung der Bergleute gegenüber anderen Werktätigen. Die Bergleute bekamen unter anderem verbilligt Fleisch, Seife und alkoholische Getränke. Zur Ausgabe dieser Waren (ich glaube, man nannte sie IK-Waren) hatte man auf dem Zechengelände einen eigenen Laden eingerichtet. 

Das Leben im Wohnheim, wie unsere Unterkunft genannt wurde, hatte, wie alles im Leben, Vor- und Nachteile.

Der Vorteil war, dass man ohne Probleme zur Arbeit und wieder nach Hause kam. Man konnte sich jeden Tag an den gedeckten Tisch setzen und wurde mit fast allem versorgt, was man benötigte.

Der Nachteil war, dass diese Rundumversorgung nicht ganz billig war. Von dem verdienten Geld bekam man nur einen Bruchteil zu sehen, der große Rest wurde sofort für Verpflegung, Unterbringung, Gewerkschaftsbeitrag usw. abgezogen.

Außerdem kam noch folgender Umstand hinzu: Bei so vielen Bekannten und Arbeitskollegen hatte alle Naselang einer Geburtstag. Man ging natürlich hin, um dem Geburtstagskind zu gratulieren und ihm alles Gute zu wünschen! Das blieb nicht ohne Folgen! Am nächsten Tag ging man mit einem Brummschädel zur Arbeit. Kaum war man wieder richtig nüchtern, hatte schon der Nächste Geburtstag! Und das Spiel begann von Neuem!

***

So vergingen die Wochen und Monate. Ich hatte inzwischen ein Mädchen kennengelernt, deren Mutter uns im Wohnheim täglich mit frischer Milch und Käse versorgte. Dieses Mädchen, sie hieß Wilma, kam eines Tages mit ihrer Mutter ins Wohnheim, wo ich ihre Bekanntschaft machte. Der Zufall wollte es, dass wir uns einige Tage später bei einem Volksfest in Henrichenburg, das ist ein Ortsteil von Castrop-Rauxel, wiedersahen. Das war der Beginn unserer Beziehung, die jetzt schon sehr lange dauert. Die „Goldene Hochzeit“ haben wir schon ein paar Jahre hinter uns.

***

In diesem Wohnheim konnte man ziemlich sorgenfrei in den Tag hinein leben. Voraussetzung war, dass man regelmäßig seiner Arbeit nachging. Ich aber war zu ehrgeizig, um mich damit zufriedenzugeben. Ich wollte nicht mein ganzes Leben lang so weitermachen. Mir schwebte eine Ausbildung vor, die mir ein Weiterkommen ermöglichte. Ich hatte erfahren, dass es möglich war, nach entsprechender praktischer Ausbildung und dem erfolgreichen Besuch der Bergschule, in die Aufsicht zu kommen. Durch meinen Einsatz beim „Volkssturm“ hatte ich keinen ordentlichen Schulabschluss erreicht. Ich war nicht der einzige junge Mann, dem es so ergangen war.

Durch die große Nachfrage nach Kohle wurden viele junge Männer von den Arbeitsämtern, wie die Arbeitsvermittlungen damals noch hießen, in die Bergwerke verwiesen. In den benachbarten Stuben meiner Baracke wohnten viele junge Männer, die aus Ostfriesland kamen. Dort waren Arbeitsplätze noch sehr rar. Die Arbeit in einer Grube war für sie die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen und in einem Zechenwohnheim in geordneten Verhältnissen zu leben. Da es damals im Ruhrgebiet noch über 100 Bergwerke gab, die alle durch die große Nachfrage nach Kohle Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften hatten, kamen viele Männer in die Gruben, die unter normalen Umständen nicht im Bergbau unter Tage gelandet wären.

Der Lohn in den Bergwerken wurde zwischen der „Industrie-Gewerkschaft Bergbau“ und dem Arbeitgeber-Verband ausgehandelt und in gewissen Abständen der allgemeinen Preisentwicklung angepasst. Man konnte davon bescheiden leben, reich geworden ist damit keiner. Um seine Lohntüte, und später das Lohnkonto bei der Sparkasse etwas dicker werden zu lassen, musste man schon einige Überschichten verfahren, wie der spezielle Ausdruck im Bergbau hieß. In anderen Berufen nannte man das Überstunden.

Als ich im Bergbau so kurz nach dem Krieg zu arbeiten begann, bestand in allen Gruben ein Mangel an gut ausgebildeten Aufsichtspersonen. Der normale Nachwuchs junger Steiger, die alte, in Rente gehende Kollegen ersetzen sollten, war im Krieg unterbrochen worden. Dazu kam, dass die Förderung in allen Gruben gesteigert werden sollte, um die große Nachfrage zu befriedigen. Man behalf sich damals damit, dass man zuverlässige, erfahrene Bergleute nach Besuch eines kurzen Lehrganges zu „Fahrhauern“ beförderte und in die Aufsicht berief. Es gab damals viele Reviere, in denen nur auf der Morgenschicht ein regulär ausgebildeter Steiger Dienst tat und das Revier führte. Während der Mittagschicht und auch nachts waren „Fahrhauer“ die einzigen Aufsichtspersonen.

Um diesem Mangel abzuhelfen, wurde für den Besuch der Bergschulen geworben. Jeweils im Frühjahr und im Herbst begannen dort Lehrgänge, um junge Männer zu Steigern auszubilden.

Wer das Abitur hatte, konnte sich nach 5 Semestern und bestandener Abschluss-Prüfung „Steiger“ nennen und wurde sofort eingestellt.

Bewerber ohne Abitur mussten erst 2 Jahre lang die „Bergvorschule“ besuchen. Nach bestandener Abschlussprüfung der „Bergvorschule“ und bestandener Aufnahme der „Bergschule“ konnte endlich das Studium beginnen.

Da ich ohne Abitur von der Schule abgegangen war, musste ich die „Bergvorschule“ durchlaufen.

Nach jeder Schicht, wenn ich am „Schwarzen Brett“ vorbeikam, warf ich einen Blick darauf. Ich wollte auf keinen Fall verpassen, mich bei der nächsten Gelegenheit zur Ausbildung zu melden.

Dazu musste ich aber in meinem Leben einige Veränderungen vornehmen. Mir war klar, dass ich einen Platz brauchte, an dem ich ungestört schriftliche Arbeiten durchführen und lesen konnte. Das war im Wohnheim nicht möglich. Man wohnte ja zu zweit oder zu dritt in einem Raum. Ich war nicht sicher, ob mein Stubenkamerad gerade dann Radio hören oder Skat spielen wollte, wenn ich meine Kenntnisse in Mathematik oder Recht-schreiben wiederholen wollte.

Durch Vermittlung meiner damaligen Freundin und späteren Frau Wilma lernte ich eine Familie in Pöppinghausen kennen, die ein neues Haus in einer neu gebauten Siedlung bezogen hatte und nun einen Untermieter suchte. Wir wurden uns schnell einig. Ich bekam ein Zimmer im ersten Stock. Dort konnte ich ungestört lesen oder, wenn mir danach zumute war, Radio hören. Auf dem Weg zur Arbeit konnte ich weiterhin die Werksbahn nutzen, denn diese neue Siedlung stand unweit des Wohnheims, in dem ich davor gewohnt hatte.

Eines Tages entdeckte ich den lange erwarteten Aushang. Die Bergvorschule in Recklinghausen lud alle interessierten Bergleute ein, sich zu bewerben. Ich notierte mir die Anschrift der Schule und bereitete meine Bewerbungsunterlagen vor.

***

Inzwischen hatte sich die Situation in der Familie meiner späteren Frau Wilma grundlegend geändert. Wilmas Mutter war eine Kriegerwitwe. Ihr Mann, Wilmas Vater, war noch in den letzten Kriegstagen südlich von Berlin gefallen. Wilmas Mutter bekam nur eine winzige Rente. Wilmas Vater hatte nur wenig verdient, da er, bedingt durch eine Magenkrankheit, sehr oft arbeitsunfähig war. Auch beim Militär war er nur bedingt tauglich. Er bekam dort sogar immer Weißbrot zugeteilt, da er normales Mischbrot nicht vertragen konnte.

Dadurch war er auch beim Militär nur bedingt tauglich. Er wurde zur Ausbildung von Rekruten eingesetzt, zuerst in Österreich, in der Nähe von Eisenstadt, dann in Griechenland. Zum Kampfeinsatz kam er auch erst ganz am Ende des Krieges südlich von Berlin, was sein Leben beendete.

Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, war Wilmas Mutter gezwungen, eine Arbeit anzunehmen. Sie fand eine geeignete Stelle bei einem Witwer in Pöppinghausen, der seine Frau verloren hatte und nun im Haus seiner Mutter wohnte.

Dieser Witwer (Hugo N.) war bereits „in Pension“, das heißt, er war aus Altersgründen aus dem Arbeitsleben ausgeschieden und bezog eine Rente, deren Höhe er nie preisgeben wollte. In Düsseldorf hatte er das Lohnbüro einer großen Stahlfirma geleitet. Er war eine lebende Rechenmaschine und der Schrecken aller Verkäuferinnen auf dem Wochenmarkt in Habinghorst (Ortsteil von Castrop-Rauxel). Wenn er z.B. einen Krautkopf kaufen wollte, erkundigte er sich beim Händler nach dem Kilo-Preis. Dann suchte er sich einen Krautkopf aus, der ihm nach Aussehen und Größe für die Bedürfnisse seiner Familie passend erschien. Während die Verkäuferin oder der Verkäufer nach dem Wiegen den Preis ermittelten, hatte er das Geld für den Krautkopf bereits passend auf der Theke liegen! Und wehe, wenn die Verkäuferin einen anderen Preis nannte!

Die Marktverkäuferinnen pflegten beim Festlegen des Preises häufig etwas nach oben abzurunden, was wegen der geringen Summe nie auffiel. Sie konnten durch tägliche Übung viel schneller im Kopf rechnen als die meisten Kunden. Das klappte aber nicht, wenn Hugo der Kunde war! Wenn die Verkäuferin den Preis nannte und er nicht mit dem von Hugo ermittelten übereinstimmte, stauchte er sie zusammen. Dann konnte man Ausdrücke hören wie „noch mal zur Schule gehen“ oder „armen Rentnern das Geld aus der Tasche ziehen“ oder „Lehrgeld wiedergeben lassen“.

Bald war Hugo auf jedem Wochenmarkt in der Umgebung bekannt. Sobald er auftauchte und auf einen Stand zusteuerte, mussten die Verkäuferinnen plötzlich zur Toilette und kamen erst wieder, wenn Hugo bereits beim Metzger war und dort Wurst einkaufte.

***

Als sein Berufsleben endete, war er von Düsseldorf nach Pöppinghausen zurück-gekehrt. Das war seine ursprüngliche Heimat. Dort stand das Haus seiner Eltern, in dem noch seine inzwischen hochbetagte Mutter wohnte. Seine Frau war vor einigen Jahren gestorben und seine beiden Töchter waren schon längst erwachsen. Die Ältere von beiden lebte mit ihrem Mann und einer Tochter im unteren Teil des Hauses, während Hugo mit seiner Mutter den oberen Teil bewohnte. Die jüngere der Schwestern lebte in Düsseldorf und wollte nicht zurück in das kleine Dorf Pöppinghausen.

Von der Straße aus gesehen befanden sich hinter dem villenartigen Gebäude noch zwei flache Wirtschaftsgebäude, in denen Garage, Waschküche, eine Werkstatt und einige Ställe für Schafe und Hühner untergebracht waren. Zum Grundstück gehörten noch ein großer Obstgarten und eine Wiese, die als Weidefläche für einige Schafe oder Ziegen genutzt werden konnte. Die vor dem Haus vorbeiführende Straße war die Verbindung zwischen Pöppinghausen und Habinghorst und wurde nur wenig befahren, da die Brücke über den Rhein-Herne-Kanal noch nicht wieder hergestellt war.

Hugo war daran gewöhnt, dass eine Frau ihm das Essen zubereitete und für den Haushalt sorgte. Seine alte Mutter konnte gerade noch das Essen kochen, aber für die Haushaltsführung und die Wäsche, die ja wie erwähnt in der Waschküche im Hof gewaschen werden musste, war sie zu gebrechlich. Das Treppensteigen fiel ihr schwer. Auch die unten im Haus lebende Tochter half nur ungern aus, da sie durch ihre kleine Tochter immer mehr in Anspruch genommen wurde.

Eine wichtige Eigenschaft Hugos habe ich noch nicht erwähnt. Er war ein starker Zigarrenraucher! Im Laufe der Jahre hatte sich der Qualm seiner Zigarren an alles geheftet, was ihn umgab. Alle seine Anzüge, seine Wäsche, seine Möbel, Gardinen, die Couch, sein Bett – alles roch nach Tabaksqualm. Ich hatte vorher noch nie einen Menschen getroffen, der so von seinen Zigarren, oder besser vom Qualm derselben, umgeben war. Dass in seiner Wohnung Fliegen überleben konnten, ist mir heute noch ein Rätsel!

Hugo wurde, wie man sich vorstellen kann, von Mutter und Tochter in die Zange genommen. Er solle sich endlich wieder eine Frau suchen, die auch gut zupacken konnte!

Hugo hielt also Ausschau nach einer für seine Situation geeigneten Frau. Sie sollte nicht zu jung sein und gut arbeiten können. Sie musste fähig sein, seinen Haushalt zu führen und auch seine Mutter zu versorgen. Seine Wahl fiel auf die Mutter meiner Freundin Wilma. Er kannte sie schon einige Jahre und wusste, dass sie noch kurz vor Kriegsende ihren Mann verloren hatte.

Sie kam jeden Tag mit ihrem Fahrrad, an dessen Lenkstange 2 große, verzinkte Milchkannen hingen. Manchmal hatte sie auch noch einen kleinen Anhänger am Fahrrad. Dann standen die Milchkannen darauf, und in einer Kiste transportierte sie Butter und Käse. Das war besonders dann der Fall, wenn am Zahltag der Zeche alle Bewohner des Wohnheimes in Pöppinghausen mehr Bargeld in der Tasche hatten! Dann wurden alle Schulden bezahlt und der Umsatz stieg merklich an.

Außer dem Wohnheim, in dem die meisten Kunden wohnten, waren noch alle anderen Einwohner von Pöppinghausen mit Milch und Käse zu versorgen. Im Ortskern entstand eine Neubausiedlung, in der viele der möglichen Kunden wohnten. Dazu kamen noch einige Gehöfte, die zerstreut in der Umgebung lagen. Um alle möglichen Kunden abzuklappern, hatte sie einen halben Tag zu tun. Es war ein mühsames Geschäft.

Deshalb überlegte sie nicht lange, als Hugo ihr den Vorschlag machte, seinen Haushalt zu übernehmen. Sie kannte ihn und seine Familie schon einige Jahre. Nachdem er mit ihr und seiner Mutter alle Einzelheiten besprochen hatte und sie sich einig geworden waren, wurde Wilma in die neue Sachlage eingeweiht. Wilmas Bruder Hermann, der noch zur Schule ging, sollte mit der Mutter nach Pöppinghausen ziehen. Wilma konnte die ganze Wohnung für sich behalten.

Das war so kurz nach dem Krieg ein unerhörter Luxus! Eine Person in einer 3-Zimmer-Wohnung! Es war nur eine Frage der Zeit, wann das Wohnungsamt Kenntnis von dieser Sachlage bekommen würde. Viele Jungvermählte hausten bei Eltern oder Großeltern in einem provisorisch abgeteilten Raum.

Um diese Wohnung zu behalten, beschlossen wir, zu heiraten. Dann war, wie es im Amtsdeutsch hieß, „Eigenbedarf“ vorhanden. Bis dahin hatten wir noch keineswegs ans Heiraten gedacht. Wir waren ja noch beide junge Leute und hatten eine endgültige Entscheidung noch nicht in Betracht gezogen. Als wir uns entschieden hatten, ging es darum, diese Entscheidung in die Tat umzusetzen.

Ich schrieb an meine Eltern und teilte Ihnen meinen Entschluss mit. Meine Eltern waren über meinen plötzlichen Entschluss ziemlich erstaunt, ja besorgt. Mein Vater wollte wissen, ob ich über diesen Schritt auch gründlich nachgedacht hätte. Er wollte mich vor einem übereilten Schritt bewahren.

Man muss bedenken, dass damals (1951) eine Scheidung nur in den seltensten Fällen vorkam. Fast alle Paare blieben zusammen, bis dass der Tod einen Partner ereilte.

Als ich die Papiere beim Standesamt einreichte, gab es eine Überraschung.

 Bei Wilmas Papieren war alles klar. Sie war im Bezirk des Standesamtes Castrop-Rauxel geboren. Auch die Unterlagen ihrer Eltern waren dort aktenmäßig vorhanden. Von Ihrer Seite gab es keine Probleme. Alle Unterlagen, die sie für die bevorstehende Heirat benötigte, konnte sie vom Standesamt Castrop –Rauxel erhalten.

Bei mir war alles viel komplizierter.

Mein Vater war in Deutsch-Gabel geboren. Das war ein Ort im Sudetenland, in der heutigen Tschechischen Republik. Bei seiner Geburt war das noch ein Teil von Österreich–Ungarn und er wurde am Beginn des Ersten Weltkrieges sofort zur österreichischen Armee eingezogen. Meine Mutter stammte aus Galizien und war ebenfalls Österreicherin. Als junge Leute zogen sie nach Zeißholz in der Oberlausitz, wo mein Vater in der dortigen Braunkohlengrube Arbeit gefunden hatte.

Am Ende des Ersten Weltkrieges zerfiel Österreich in mehrere Nationalstaaten. Das Sudetenland gehörte jetzt zur Tschechoslowakei. Meine Eltern wurden jetzt tschechische Staatsbürger. Sie bekamen tschechische Pässe und der Tschechische Staat zahlte meinem Vater eine Rente als Kriegsinvalide. Als das Sudetenland kurz vor dem Zweiten Weltkrieg zu Deutschland geschlagen wurde, wurden meine Eltern und ihre Kinder (außer mir!) Reichsdeutsche. Mein Bruder Hans, der inzwischen für den Arbeitsdienst zu alt war, wurde sofort zum Militär eingezogen. Durch irgendwelche Gesetze und Verordnungen, die ich heute nicht mehr nachvollziehen kann, war ich schon seit meiner Geburt Reichsdeutscher.

Durch diesen amtlichen Bescheid vom Standesamt Wittichenau war ich wie meine „Braut“ Reichsdeutscher und unserer Eheschließung stand nichts mehr im Wege.

Wenn man sich diesen Nationalitäten – Irrsinn überlegt, kann man sich doch nur an den Kopf fassen.

Meine Eltern waren erst Österreicher, dann Tschechen, dann Volksdeutsche und zuletzt Reichsdeutsche. 1948 wurden sie sogar noch Bürger der Deutschen Demokratischen Republik. Während dieser Zeit haben sie immer im gleichen Haus gewohnt:

Zeißholz (Oberlausitz) Kolonie Nr. 14! 

Nachdem diese Voraussetzungen zur Eheschließung erfüllt waren, bekamen wir vom Standesbeamten einen festen Termin zur Eheschließung. Ich hatte nachgefragt, ob der 13.10.1951 als Termin möglich wäre. Der Standesbeamte schaute auf seinen Terminkalender und nach kurzer Prüfung stimmte er zu. Das war mir wichtig, denn dieser Tag war mein 22. Geburtstag!

Wir heirateten am 13.10.1951. Es war eine kleine Feier. Als Trauzeugen hatten wir Hugo N. und meinen Zimmerwirt Otto S. gebeten. Wir fuhren mit der Straßenbahn zum Standesamt nach Castrop-Rauxel, denn ein Auto hatte damals noch keiner von uns. In der Wohnung, in die ich jetzt offiziell einziehen wollte, hatte meine Frau ein Essen vorbereitet. Alles in allem war es eine sehr bescheidene Feier.

***

 Mein Weg zur Arbeit war jetzt um einige Kilometer länger. Ich fuhr jeden Tag von Habinghorst nach Recklinghausen-Süd zur Zeche König-Ludwig I-II. Die Entfernung spielte für mich kaum eine Rolle, denn ich war jung und kräftig. Besonders wichtig nahm ich den Zustand meines Fahrrades, denn eine Panne unterwegs hätte mir viel Ärger eingebracht. Im Bergbau musste man damals stets pünktlich sein, denn wenn man die „Seilfahrt“, wie der Personentransport im Bergbau heißt, verpasste, konnte man gleich wieder nach Hause gehen. Die Schicht war verloren. Der dafür erwartete Lohn war weg.

Die Fördereinrichtung im Schacht war ja speziell für den Transport von Kohle-Loren eingerichtet. Bei der normalen Förderung kommen mit Roh-Kohle gefüllte Wagen zutage, werden dort entleert und wieder in die Grube transportiert. Die Förderkörbe der einzelnen Zechen sind verschieden groß, aber die meisten haben 4 Etagen, die hier „Sätze“ genannt werden, auf denen je 2 Wagen in einem Arbeitsgang aufgeschoben werden können. Die Wagen, die aufgeschoben werden, schieben die bereits auf dem Korb stehenden auf der anderen Seite hinunter. Dann erfolgt ein kurzes Signal an den Fördermaschinisten übertage und der nächste Satz wird am Anschlag vorgesetzt. Wenn alle Sätze, meistens 4, bedient worden sind, erfolgt das Signal zur Abfahrt. Dann werden die Schacht-Gitter-Tore geschlossen und der Förderkorb fährt mit hoher Geschwindigkeit zutage. Gleichzeitig kommt der am anderen Ende des Förderseiles hängende Gegenkorb nach unten, und das Wagen-Wechselspiel wiederholt sich.

 Nur durch die stündlichen Seilfahrten unterbrochen sausen die Förderkörbe mit hoher Geschwindigkeit auf und ab. Damit werden pro Tag Tausende von Tonnen Rohförderkohle zutage gebracht. Gleichzeitig werden die in der Wäsche von der Kohle getrennten „Waschberge“ in die Grube zurücktransportiert, um in die ausgekohlten Hohlräume gekippt oder geblasen zu werden.

***

 Zwischen den Ortsteilen Habinghorst und Pöppinghausen in der Stadt Castrop-Rauxel liegt der Rhein-Herne Kanal. Diese beiden Ortsteile verbindet eine Straße, die normalerweise über eine Brücke den Kanal überquert.

Diese Brücke war am Ende des Krieges gesprengt worden und man hatte sie noch nicht erneuert. Da es sich um eine weniger wichtige Straße handelte, wurde die Erneuerung um einige Jahre hinausgeschoben.

Als Ersatz hatte man eine Fähre eingerichtet, mit der man bei Bedarf übersetzen konnte. Fremde mussten einen bestimmten Betrag als Fährgeld bezahlen, während die Benutzer aus Habinghorst oder Pöppinghausen frei übersetzen konnten.

Drei Fährmänner versahen rund um die Uhr ihren Dienst und setzten jeden über, der auf die andere Seite musste. Die Fähre war ein rechteckiger Ponton, der mit einer dicken Bohlendecke ein „Deck“ erhalten hatte. Damit dieses, dicht über der Wasseroberfläche liegende Deck von einem Auto oder Pferdewagen erreicht werden konnte, hatte man folgende Änderungen am Kanal vorgenommen:

  1. Die an der nördlichen Kanalseite vorhandene Spundwand war bis kurz über der Wasseroberfläche entfernt worden, um dem Ausleger der Fähre eine sichere Unterlage in der Endstellung zu gewährleisten.
  2. Den an beiden Kanalseiten vorhandenen Erdwall hatte man soweit abgetragen, dass alle Fahrzeuge die Fähre gut erreichen konnten.
  3. Der Fährbereich wurde durch kurze Stichstraßen an das vorhandene Straßennetz angeschlossen.

 

Um den Fährmännern etwas Schutz bei schlechtem Wetter zu gewähren, wurde eine kleine Bude errichtet. Innen waren ringsherum Bänke an die Wände angebaut, es gab einen einfachen Tisch und als Feuerstelle einen eisernen „Kanonenofen“. Dazu kam noch eine Holzkiste für Kohle und Brennholz.

Damit immer genug Brennmaterial vorhanden war, hatte der Fährmann der Morgenschicht mit den Schiffseignern einen Handel abgeschlossen. Er sorgte dafür, dass möglichst kein Schiff warten musste. Dafür bekam er für den Ofen in der Bude ausreichend Kohle, um ihn bei niedrigen Temperaturen rund um die Uhr in Betrieb zu halten. Das war für die Schiffseigner kein Problem, denn die meisten Schleppkähne hatten Kohle oder Koks geladen. Wenn sie ständig freie Fahrt bekamen, war ihnen das schon ein paar Eimer Kohle wert.

Ich muss daran erinnern, dass damals noch fast keine Lastkähne einen eigenen Antriebsmotor hatten! Der normale Betrieb lief so ab, dass ein Schlepper mehrere Lastkähne hinter sich herzog. So ein Geleitzug war natürlich schwerfällig und fuhr auch nicht schnell. Die Passanten, die sich an der Fähre angesammelt hatten, um übergesetzt zu werden, mussten manchmal viel Geduld mitbringen.

Oft kam es vor, dass ein Geleitzug von Osten angetuckert kam. Dann legte der Fährmann die Fähre fest, lockerte das Führungsseil soweit, dass es tief ins Wasser eintauchen konnte. Das Gleiche tat er mit dem Zugseil. Er rollte so viel Seil ab, dass es mit Sicherheit auf dem Kanalgrund lag.

Es dauerte fast eine viertel Stunde, bis der Schleppzug die Fähre passiert hatte. Wenn man besonderes Pech hatte, kam unmittelbar danach ein Schleppzug von der anderen Seite! Dann musste auch dieser Schleppzug vorbei sein, ehe man ans andere Ufer gelangen konnte. Diese Fähre zwang mich dazu, immer mit einer gewissen Zeitreserve zur Arbeit zu fahren.

Dieser geschilderte Fährbetrieb fand zwar jeden Tag statt, aber nur am Tage. Während der Nacht fuhr ganz selten ein Schiff den Kanal entlang. Dann hatte der Fährmann ein ruhiges Leben. Bis ich auftauchte!

Eines Tages wurde ich in eine Streckenvortriebs-Kolonne eingeteilt. Da diese geplante Strecke sehr eilig war, wurde dort im 4/3 – Betrieb gearbeitet. Wir fuhren um 6 Uhr, um 12 Uhr, um 18 Uhr und um 24 Uhr an. Vor Ort wurde ständig gearbeitet, die Überschneidungen waren nötig, um die An-und Abfahrzeit im Schichtwechsel auszugleichen. Wenn meine Schicht um 18 Uhr begann, hatte ich um 2 Uhr morgens Feierabend. Dann war ich etwa eine dreiviertel Stunde später am Kanal.

Da ich jeden Tag die Fähre benutzte, kannte ich bald alle Fährleute, und sie kannten mich. Das war gut so. Denn es kam vor, dass ich mitten in der Nacht übergesetzt werden musste. Manchmal war es ein Problem, den Fährmann wach zu bekommen. Einer von ihnen, ich glaube er hieß Heinz, hatte einen besonders tiefen Schlaf. Ich stand am nördlichen Ufer und der Fährmann schlummerte in seiner schönen warmen Bude auf der südlichen Seite! Ich rief bestimmt 10 Mal, aber er hörte mich nicht. Erst als ich einen Stein von der Größe eines Hühnereies auf das Dach der Bude warf, kam er aus der Bude geschossen! Das hatte ihn wach gemacht! Ich konnte aber nicht jede Nacht mit Steinen werfen. In den nächsten Nächten versuchte ich es mit einer Trillerpfeife. Doch der Erfolg war mäßig. Auch das Knallen mit einer Schreckschusspistole hatte oft keine Wirkung. Erst die Kombination von Rufen, Steine werfen und Schießen brachte den Fährmann dazu, seinen Schlummer zu unterbrechen und mich an das andere Ufer zu holen. Ich war jedes Mal froh, wenn ich zu einer Schicht eingeteilt wurde, die mir eine Rückfahrt mitten in der Nacht ersparte. Durch diese, von mir ergriffenen Notmaßnahmen, war ich bei den Fährleuten nicht gerade beliebt. Jeder von ihnen war froh, wenn er nicht von mir mitten in der Nacht aus den schönsten Träumen gerissen wurde.

Dieser brückenlose Zustand endete erst etwa 2 Jahre später. Doch ich hatte nicht viele Vorteile davon, denn vier Wochen später bezogen wir unser neu gebautes Haus in der ECA-Siedlung in Recklinghausen, unweit der Zeche König Ludwig I-II.

***

Einige Wochen vor unserer Hochzeit hing endlich der lang erwartete Aushang im Glaskasten auf der Zeche. Ein neuer Lehrgang der Bergvorschule sollte beginnen. Wer daran teilnehmen wollte, sollte seine Unterlagen einreichen. In der Schichtmeisterei konnten die Unterlagen abgeholt werden, was ich sofort tat. Ich füllte sie aus und reichte sie ein.

Nach einigen Wochen Wartezeit erhielt ich die Aufforderung, mich an einem bestimmten Tage in der Bergschule Recklinghausen zur Aufnahmeprüfung einzufinden. Als ich dort erschien, warteten bereits etwa 50 junge Männer, die alle die Bergschule besuchen wollten. Wir wurden in 2 Klassenräume geführt, und mussten ein Diktat schreiben, einen Aufsatz anfertigen und eine Reihe von Rechenaufgaben lösen. Die Zeit dafür war begrenzt. Während das Diktat und der Aufsatz für mich kein Problem waren, geriet ich bei den Rechenaufgaben ins Schwitzen. Mathe war auch schon in der Schule meine schwache Seite gewesen. Nun saß ich vor diesen Aufgaben und versuchte, sie zu lösen. Das gelang mir nur zum Teil. In diesen Minuten ging mir erst auf, was ich seit der Schulzeit schon wieder vergessen hatte. Aber diese Erkenntnis kam zu spät. Als die Prüfungszeit um war, hatte ich erst eine Aufgabe fertig. Die restlichen Aufgaben hatte ich zwar begonnen, aber nicht beendet.

Etwa eine Woche später erhielt ich das Ergebnis. Nicht bestanden! Und das etwa eine Woche vor unserer geplanten Hochzeit! Meine zukünftige Frau musste ja glauben, einen kompletten Idioten zu heiraten! Diese Scharte musste ich schnell wieder beseitigen!

Am nächsten Zahltag ging ich in ein Papiergeschäft und kaufte mir ein Rechenbuch. Von nun an saß ich in jeder freien Minute am Tisch vor meinem Rechenbuch und meinem Übungsheft. Ich ackerte das Rechenbuch von vorne bis hinten durch. Hätte ich es doch schon früher gekauft!

Dass ich in jeder freien Minute vor meinem Mathematikbuch saß und alle möglichen Aufgaben löste, fiel sogar anderen Leuten auf. Meine Frau Wilma war ja hier in Habinghorst groß geworden und zur Schule gegangen. Deshalb kannte sie hier eine Menge Leute und war auch selbst bekannt.

Eines Tages traf sie auf der Straße eine alte Schulfreundin, die sie lange nicht mehr gesehen hatte. Nach der Begrüßung wollte die Freundin wissen, wie es ihr ginge.

„Ich habe gehört, dass du verheiratet bist. Ich sehe dich ja selten, aber mit deinem Mann habe ich dich noch nie gesehen!“

„Ja“, sagte Wilma, „ich bin auch fast immer allein unterwegs. Mein Mann ist entweder bei der Arbeit oder er macht Schularbeiten!“

„Schularbeiten? Wieso denn Schularbeiten? Ist dein Mann Lehrer?“

„Nein, er ist in der Grube, aber er will Steiger werden, und da er kein Abitur hat, muss er zuerst die Bergvorschule besuchen. Damit er die Aufnahmeprüfung besteht, büffelt er jetzt zu Hause, während ich spazieren gehe.“

„Soso, er will Steiger werden, dann muss er sich aber anstrengen, denn das ist ohne Abitur nicht so einfach. Grüße ihn von mir unbekannterweise, ich wünsche euch alles Gute!“

Auch anderen Leuten fiel auf, dass meine Frau fast immer allein unterwegs war. Ihre Tante Hilde, die nur wenige Jahre älter war als Wilma, und mit der sie als Kind oft gespielt hatte, bedauerte sie.

„Du tust mir leid, du hast ja nichts von Deinem Mann, wenn er ewig zu Hause sitzt und büffelt.“

„Was soll ich machen, wer weiter kommen will, muss etwas dafür tun!“

„Naja, für mich wäre das nichts. Aber es ist ja euer Leben. Ich drücke euch die Daumen, dass er es schafft. Da fällt mir ein, die blonde Hilde B. die eine Klasse über dir war, hat ihren Onkel geheiratet. Der ist auch Steiger auf der Zeche hier. Der geht es gut, die ist immer ganz modisch angezogen“

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In dieser Zeit fiel mir ein Zeitungsartikel in die Hände, der mich sehr interessierte. Urheber war das Konsulat von Kanada, das damals, ich glaube in Hannover, residierte. Das Konsulat suchte junge, gesunde Männer, die gewillt waren, nach Kanada auszuwandern. Sie sollten gesund und bereit sein, im Bergbau, in der Landwirtschaft oder in der Industrie zu arbeiten. Die Entlohnung würde nach den ortsüblichen Tarifen erfolgen. Die Kosten für die Überfahrt würden vorgestreckt und würden später in kleinen Raten vom Lohn abgezogen. Das ging mir tagelang nicht aus dem Kopf. Wilma, ihre Tante Hilde, deren Mann Siegfried und ich diskutierten tagelang über das Auswandern nach Kannada.

Um nähere Einzelheiten zu erfahren, schrieb ich einen Brief an das Konsulat. Die einleitenden Sätze schrieb ich in Deutsch. Dann wechselte ich ins Englische, und meine jetzige Situation schilderte ich in Französisch.

Schon nach zwei Wochen erhielt ich die Antwort. Ich könnte nach Kannada mit meiner Frau einwandern. Erforderlich wären nur für jeden ein polizeiliches Führungszeugnis und ein aktuelles Röntgenbild der Lungen. Durch meine Kenntnis der in Kannada überwiegend gesprochenen Sprachen Englisch und Französisch würde uns die Eingewöhnung sicherlich nicht schwerfallen.

Kurze Zeit später erhielt ich ein Schreiben der „Cunard-Star-Line“. Das war eine Schifffahrtsgesellschaft. Sie bot uns eine Überfahrt nach Kannada auf Kredit an. Die Kosten könnten später bezahlt werden.

In der Familie wurde lange über dieses Angebot diskutiert. Wilmas Tante Hilde, die drei Jahre älter war als Wilma, und ihr Mann Siegfried waren dafür. Aber Wilmas Mutter war dagegen. „Das ist ja so weit weg. Dann sehe ich euch ja nie wieder!“

Dieses Argument war nicht zu widerlegen. Den Flugverkehr nach Amerika, wie wir ihn heute kennen, gab es damals noch nicht. Er hat sich erst in den Jahren danach entwickelt.

Wer nach Amerika wollte, musste ein Schiff benutzen. Auch war so eine Überfahrt nicht billig. Das gab letztendlich den Ausschlag. Wir blieben in Deutschland!

Mein Weg zur Arbeit war im Sommer kein Problem. Ich hatte inzwischen die Gegend gut kennengelernt und wusste mir einige Abkürzungen nutzbar zu machen. Mit dem Fahrrad kam man ja überall gut durch.

Einer meiner Arbeitskollegen erzählte eines Tages, dass seine Hündin sich mit einem anderen Spitz gepaart hatte und nun bald Junge bekommen würde. Das interessierte mich.

„Wenn du einen Welpen übrig hast, sag mir Bescheid, ich würde dir gerne einen abnehmen!“

„Du kannst gerne einen Welpen bekommen, denn ich weiß noch nicht, wo ich damit hin soll. Alle meine Bekannten habe ich schon mit kleinen Hunden versorgt.“

Eines Tages war es soweit. Der „Hundevater“ lud mich ein, ihn nach der Schicht nach Hause zu begleiten, dort könnte ich mir dann „meinen Welpen“ aussuchen.

Als ich eine Stunde später nach Hause radelte, hatte ich einen kleinen, schneeweißen Welpen in meiner Aktentasche. Meine Frau war total überrascht von diesem Geschenk.

Sie freute sich sehr. Selbst als er eine kleine Pfütze in die Küche machte, nahm sie ihm das nicht übel. Er war ja so süß! Wir richteten ihm in der Küche einen alten Pappkarton als Schlafstelle ein. Eine Decke polsterte den harten Untergrund. Dort konnte gut liegen und schlafen. In der nächsten Zeit beschäftigten wir uns viel mit dem Hund. Wilma badete ihn und kämmte sein Fell. Um ihn trocken zu bekommen, wurde er nach dem Baden so trocken gerieben, wie es nur möglich war. Dann klappte Wilma den Deckel der Bratröhre herunter, legte eine zusammengefaltete alte Decke auf den Deckel und bettete den kleinen Hund darauf. Das gefiel ihm.

Das Bad im Wasser hatte ihm nicht sonderlich gefallen, aber dieser Aufenthalt vor der Wärme abgebenden Bratröhre gefiel ihm schon besser. Sein Fell war jetzt schneeweiß. Da sein Fell ziemlich lange Haare hatte, wirkte er jetzt viel dicker.

Es war Sonntag. Die Sonne schien. Wir entschlossen uns, einen Spaziergang zu Wilmas Mutter nach Pöppinghausen zu machen und ihr den kleinen Hund vorzuführen. Solange wir im Stadtbereich waren, führten wir ihn an der Leine. Aber nach dem Passieren der evangelischen Kirche glaubten wir, es wäre möglich, ihn ohne Gefahr frei laufen zu lassen. Dieser Weg wurde nur von Fußgängern und Fahrradfahrern benutzt. Unser kleiner weißer Liebling blieb auch stets in unserer Nähe, schnüffelte an allem herum, was er auf dem Weg fand.

Dann kamen wir zu einer Stelle, noch kurz vor der Fähre, an der ein Getreidefeld lag. Das hatte es ihm angetan. Er verschwand im Getreide und wir hörten, wie er sich darin raschelnd bewegte. Wir blieben stehen und warteten. Er war nicht weit hineingelaufen und musste ja bald wieder herauskommen. Wilma rief mehrfach seinen Namen. Es raschelte eine Weile und dann kam er wieder heraus.

Aber wie sah er aus? Der vorher noch schneeweiße Hund hatte sich kopfüber in einem Scheißhaufen gewälzt, den ein vom Durchfall geplagter Mensch dort hinterlassen hatte. Sein rechtes Auge war richtig zugeklebt. Überall war er bekleckert und stank wie die Pest. Um ihn einigermaßen sauber zu bekommen, rupften wir Grasbüschel aus und rieben ihn damit ab. Natürlich konnten wir nur den größten Dreck entfernen. Er war jetzt nicht mehr schneeweiß, sondern braun-weiß gefleckt.  

Auf der Kanalfähre wurden wir noch von anderen Fahrgästen verspottet. Ein Mann fragte uns, ob das die neue Modefarbe wäre. Wegen des Gestanks konnten wir uns nur am Rand der Fähre aufhalten. Wir waren froh, dass an diesem Tag kein Schiff kam und wir nicht sehr lange warten mussten. Noch Wochen später, wenn ich nachts übergesetzt werden wollte, rief mir der der Fährmann zu, er würde nur kommen und mich holen, wenn ich keinen Hund dabei hätte!

Als wir bei meiner Schwiegermutter ankamen, blieb ich erst mal mit dem Hund vor der Haustür auf dem Hof. Wilma ging hinauf und erzählte ihrer Mutter die Geschichte. Dann kam sie mit dem Schlüssel zur Waschküche herunter.

Ich hatte inzwischen den Hund am Gartenzaun angebunden. In der Waschküche schloss ich einen Wasserschlauch an und spritzte den Hund damit ab. Das gefiel ihm schon weniger. Nachdem der gröbste Dreck entfernt war, wusch ich ihn mit einer Bürste unter fließendem, kaltem Wasser so sauber, wie mir es möglich war. Nach dem Abtrocknen mit einem alten Handtuch sah er aus wie ein Häufchen Elend. Er sah zwar jetzt wieder sauberer aus, aber er stank immer noch. Als Konsequenz aus diesem Vorfall ließen wir ihn nie mehr von der Leine, wenn wir mit ihm spazieren gingen.

Nach einem ausgiebigen Bad war er wieder weiß und stank nicht mehr.

An einem Sonntag mit viel Sonnenschein wollten wir einen Ausflug nach Flaesheim machen. Dort hatte man durch den Abbau von großen Sandmengen eine Grube geschaffen, die sich nach und nach mit Wasser gefüllt hatte. Da es sehr warm war, wollten wir dort am „Baggersee“ den Nachmittag mit einem Bad im kühlen Wasser dieses Sees verbringen. In einer normalen Badeanstalt war das Mitbringen von Hunden nicht erlaubt. Dorthin hätten wir unseren – jetzt wieder schneeweißen –

Hund nicht mitnehmen können.

Der Weg dorthin war so weit, dass wir nur mit unseren Fahrrädern dorthin kommen konnten. Ich holte sie aus dem Keller und machte sie betriebsbereit, das heißt, ich pumpte alle Reifen auf und wischte den Staub ab.

 Damit war zwar unser Transportproblem zu lösen, aber was machen wir mit unserem Hund? Er konnte nicht den ganzen Weg nebenher laufen. Dazu war der Weg zu weit. Allein zu Hause lassen wollten wir ihn auch nicht. Sollten wir ihn in einen Pappkarton auf den Gepäckträger setzen und dort mitfahren lassen? Dann hätten wir ihn aber auch dort anbinden müssen, denn freiwillig wäre er nicht sitzen geblieben.

Da kam mir eine noch bessere Idee. Ich holte einen alten Rucksack aus dem Keller, steckte den Hund hinein und band ihn zu. Dabei hatte ich darauf geachtet, dass der Kopf des Hundes außerhalb blieb. Nun konnte er zwar herausgucken, aber nicht herauskrabbeln.

Diese Idee erwies sich in der Zukunft als die beste Methode, mit unserem Hund und auf Fahrrädern einen Ausflug zu machen. Dabei war es wichtig, dass meine Frau hinter mir fuhr und er sie sehen konnte.

Als sie mich einmal überholte und an mir vorbei zog, wollte er auf jeden Fall hinterher. Er strampelte und wollte aus dem Rucksack heraus. Deshalb war es am besten, wenn meine Frau hinter mir fuhr, so, dass er sie sehen konnte. Dann blieb er ruhig in seinem „Gefängnis“ sitzen und wir konnten auch lange Fahrten mit ihm machen.

Diese Transport-Methode für unseren vierbeinigen Liebling erregte überall große Heiterkeit.

Im Übrigen war er ein braver Hund. Er wurde schnell sauber und gehorchte fast immer. Als wir anderthalb Jahre später nach Recklinghausen zogen, wurde er von einem Auto überfahren und getötet, als Kinder mit ihm spielten. Wir trauerten lange um ihn.

 Erst viele Jahre später, als unser Sohn schon etwa zehn Jahre alt war, schafften wir uns wieder einen Hund an. Doch dieses Mal einen Boxer.

 

2.     Die Bergvorschule

 

Als ich eines Tages von der Arbeit nach Hause kam, hielt mir meine Frau eine Postkarte entgegen. Absender war die „Westfälische Berggewerkschaftskasse“. Darin wurde mir mitgeteilt, dass meine Bewerbung eingegangen sei und ich wurde aufgefordert, mich an einem bestimmten Tag zur Ablegung der Aufnahmeprüfung auf der stillgelegten Zeche X in Herne um 16 Uhr einzufinden. Na endlich!!!

Ich konnte kaum die Zeit abwarten und zählte die Tage bis zu diesem Termin. Glücklicherweise hatte ich an diesem Tage Frühschicht, sodass mir ein Schichtwechsel erspart blieb. Ich wollte ja nicht an die große Glocke hängen, dass ich mich an der Berg-Vorschule beworben hatte. Sollte ich die Prüfung nicht bestehen, wäre die Blamage bei meinen Arbeitskameraden für mich sehr unangenehm gewesen.

Mit dem Fahrrad sauste ich nach Herne zu der alten Zeche, auf der die Aufnahme-Prüfung stattfinden sollte. Außer mir hatten sich noch etwa 40 junge Männer eingefunden, die, genau wie ich, die Laufbahn eines Steigers im Steinkohlenbergbau anstrebten. Aber, wie heißt es doch so zutreffend, „vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt“!

Punkt 16 Uhr wurden wir einzeln aufgerufen und in den Klassenraum gebeten. Anwesend waren 2 Lehrer, die einigen von uns schon aus der Bergberufsschule bekannt waren. Ich kannte keinen, denn meine Lehrzeit hatte sich in Frankreich, auf einer Zeche im Pas de Calais, abgespielt.

Einer der Lehrer ließ leere Papierbögen austeilen, auf die jeder oben links in der Ecke seinen Namen und den Namen der Zeche aufschreiben sollte, auf der er beschäftigt war. Dann begann die Prüfung. Zuerst wurde ein Diktat geschrieben. Jeder bemühte sich, es ohne Fehler zu Papier zu bringen. Das war für viele nicht ganz einfach, denn sie waren schon mehr als 10 Jahre aus der Schule heraus und hatten außer einigen Briefen an Verwandte kaum mehr etwas zu Papier gebracht.

Nach dem Einsammeln der Arbeitsbögen war ein Aufsatz an der Reihe. 3 Themen schrieb der Lehrer an die Tafel. Jeder konnte sich ein Thema daraus aussuchen. Die dafür vorgesehene Zeit wurde uns vorher mitgeteilt, damit sich jeder danach richten konnte.

Nach dem Einsammeln der Aufsätze kam die Rechenprüfung an die Reihe. Jeder erhielt ein Blatt Papier, auf dem mehrere Aufgaben, ich glaube, es waren 4, in Textform angegeben waren. Damit niemand in Versuchung kam und bei Banknachbarn abschreiben wollte, wurden vier verschiedene Blätter mit Rechenaufgaben verteilt. Die Verteilung war so gewählt, dass benachbarte Prüflinge nie voneinander abschreiben konnten. Man hatte an alles gedacht, um keinen der Prüflinge in Versuchung zu führen.

Das Diktat und der Aufsatz waren für mich kein Problem. In diesen Fächern war ich in der Schule immer gut gewesen. Deshalb hatte ich mich bei meinen Vorbereitungen hauptsächlich auf die Rechenaufgaben   konzentriert. Das machte sich jetzt bezahlt. Noch innerhalb der vorgegebenen Zeit wurde ich mit den Aufgaben fertig. Aber zurück blieb ein Gefühl der Unsicherheit. Man wusste ja nicht, wie gut die anderen „Schüler“ abgeschnitten hatten. Zur Ausbildung sollten ja nur zwei Klassen aufgenommen werden. Das waren so ungefähr 70 „Schüler“. Bewerber sollten es aber viel mehr sein.

Ich weiß heute noch nicht, wie ich damals nach Hause gekommen bin. Die Rückfahrt von Herne nach Habinghorst habe ich wie im Traum hinter mich gebracht.

Meine Frau wollte natürlich wissen, ob ich die Prüfung zum Erfolg gebracht hätte. Ich konnte sie nur vertrösten und erzählen, dass ich pünktlich fertig geworden war. Jetzt hieß es abwarten. Man hatte uns gesagt, dass die Ergebnisse in etwa einigen Wochen bekannt gegeben werden würden. Das waren lange Wochen! Es hing so viel vom Ergebnis ab!

Nach einer, mir endlos vorkommenden Zeit erhielt ich endlich den Bescheid, dass ich mich an einem bestimmten Tag an der Berufsschule in Herne melden sollte. Als ich dort ankam, war der Hof voller Menschen.

 Es waren alles junge Männer, die sich wie ich an der Bergvorschule beworben hatten. Wie ich später erfuhr, hatten sich 254 Männer für die geplanten zwei Klassen der Bergvorschule Herne beworben! Sie standen in Gruppen zusammen oder liefen aufgeregt hin und her. Manche rauchten noch hastig eine Zigarette, um die Zeit bis zur Bekanntgabe der Ergebnisse zu überbrücken.

Auch ich wurde von der Ungewissheit angesteckt. Unwillkürlich fragt man sich, ob man auch genügend geübt hatte, um die Prüfung zu bestehen. Die schiere Menge der Mitbewerber hatte mich total überrascht. Dass sich so viele um die Ausbildung bewerben, hätte ich nicht für möglich gehalten.

Endlich erschien einer der Lehrer mit einem Packen Unterlagen auf der Treppe, die zum Eingang gehörte. Er bat um Ruhe. Die trat augenblicklich ein. Die Spannung, die in der Luft lag, hätte man mit Händen greifen können. Er sprach sein Bedauern aus, dass nicht alle Bewerber ihr Ziel erreicht hätten.

„Alle, die heute ihr Ziel noch nicht erreicht haben, sollen den Mut nicht sinken lassen. Sie können sich ein halbes Jahr später wieder bewerben. Ich rufe jetzt diejenigen auf, die es diesmal noch nicht geschafft haben. Kommen Sie bitte nach vorne und holen ihre sie ihre Unterlagen ab.“

Dann begann er mit der Verlesung der Namen. Manch einer, der sich vorher noch sicher gefühlt hatte, zuckte zusammen, wenn er seinen Namen hörte. Er ging nach vorne, nahm seine Unterlagen in Empfang und verschwand schnellstens, ohne nach rechts oder links zu schauen.

Die große Menge der Anwesenden bekam langsam Lücken. Immer neue Namen wurden verlesen und die Aufgerufenen zogen kleinlaut ab, nachdem sie ihre Papiere bekommen hatten.

Der Stapel Unterlagen, den der Lehrer gebracht hatte, war ausgeteilt. Es waren aber immer noch zu viele Bewerber für zwei Klassen auf dem Platz. Er ging ins Haus und kam nach etwa 10 Minuten mit dem nächsten Stapel heraus. Das Vorlesen der Namen ging weiter. Das Schicksal war unerbittlich. Einer nach dem anderen wurde aufgerufen, nahm seine Unterlagen in Empfang und verschwand wortlos. Als auch dieser Stapel verlesen und ausgeteilt war, stand ich immer noch auf dem Platz. Mein Herz klopfte heftig, ich spürte es bis zum Hals. Der Lehrer trat mit dem dritten Stapel Unterlagen aus dem Haus. Das Verlesen der Namen ging weiter.

Die Gruppen, der auf dem Platz zusammenstehenden Männer, wurden immer kleiner. Einer nach dem Anderen wurde aufgerufen, holte seine Unterlagen ab und verschwand nach einem kurzen Gruß an seine noch wartenden Freunde.

Endlich war auch der dritte Stapel verlesen. Ich war immer noch da. Der Lehrer, der bisher die Namen verlesen hatte, rief uns übrig gebliebene nun zusammen und führte uns in einen Klassenraum. Dort wurden unsere Namen verlesen. Doch diesmal hatten die Aufgerufenen die Prüfung bestanden. Ich war dabei!

Die Aufregung war vorüber, aber mir war richtig schlecht. Ich hatte ein Gefühl, als hätte ich einen Stein im Magen.

Ein zweiter Lehrer kam hinzu, stellte sich als neuer Klassenlehrer vor, und teilte uns mit, dass wir die Aufnahmeprüfung bestanden hätten und in Herne zur Bergvorschule eingeteilt wären.

Dann erfolgte eine Aufteilung in zwei Klassen. Eine Klasse hatte in Zukunft Unterricht am Nachmittag, die andere am Vormittag. Ich war zum Unterricht am Vormittag eingeteilt worden. Das war mir ganz recht. So kam ich ausgeschlafen zum Unterricht, während die Kameraden der anderen Gruppe nach der Morgenschicht Mühe hatten, am Nachmittag ihre Augen offen zu halten.

Diese Einteilung sollte anderthalb Jahre gültig bleiben. Mir war das angenehm.

Die einzelnen Zechen wurden von der Aufnahme in die Bergvorschule unterrichtet. Gleichzeitig wurde darum gebeten, den angehenden Bergvorschüler zeitlich so zur Arbeit einzuteilen, dass er problemlos am Unterricht teilnehmen könnte.

Damals wurde noch an 6 Arbeitstagen voll gearbeitet. Mein Unterricht fand jede Woche an drei Tagen neben der normalen Schicht statt. Die freien Tage waren mit Schularbeiten und häuslichen Arbeiten ausgefüllt. Langeweile kam nicht auf. Im Gegenteil! Immer schon habe ich gern gelesen, aber jetzt wurde mir die Zeit dafür knapp. Dazu kam, dass ich ausgerechnet jetzt ein Buch in die Hand bekam, das mich total interessierte. Ich glaube, der Titel war: „Götter, Gräber und Gelehrte“ von C.W. Ceram (oder so ähnlich). Ich war erst zufrieden, als ich es durchgelesen hatte.

Dabei hatte ich, besonders an Schultagen, etliche Kilometer zu fahren. Morgens zur Schule und dann wieder zurück waren etwa 40 Kilometer. Dann zur Schicht zur Zeche König Ludwig I-II in Recklinghausen-Süd und zurück noch mal etwa 25 Kilometer. Das sind an Schultagen etwa 65 Kilometer!

Damit mein Fahrrad immer in Ordnung war, habe ich es jeden Tag genau untersucht. Vor jeder Fahrt wurden die Reifen in Augenschein genommen. Ich hatte festgestellt, dass die Reifen stramm aufgepumpt am besten hielten. Dann konnte auch ein Nagel oder eine Glasscherbe viel weniger Schaden anrichten. Natürlich waren auch die Kette und andere bewegliche Teile stets gut geölt. Sicherheitshalber hatte ich auch stets Flickzeug und Gummi-Lösung dabei, um im Notfall unterwegs eine Reparatur vornehmen zu können.

All diese Vorsichtsmaßnahmen haben mitgeholfen, meine regelmäßige Anwesenheit beim Unterricht sicherzustellen. Einige Kameraden, die schon die Bergvorschule beendet hatten und bereits zur Bergschule gingen, hatten uns erzählt, dass auf den berühmten Eintrag „Nie, nie“ großer Wert gelegt wurde. Bei einer Bewerbung um eine Stelle als Grubensteiger wurde auf den Vermerk „Hat nie gefehlt, ist nie zu spät gekommen“, sehr großer Wert gelegt.

 Anscheinend war man bei den Werksleitungen der Ansicht, dass ein Mann, der zwei Jahre lang pünktlich zur Schule erscheint, auch bei der täglichen Arbeit pünktlich und gewissenhaft ist! Fehlt diese Eigenschaft, kann sie auch durch eine gute Note in einem anderen Fach nicht kompensiert werden.

In diesen Jahren auf der Bergvorschule habe ich so manchen Kilometer Straße abgefahren. Und das bei jedem Wetter. Wenn es regnete, konnte ich ja nicht warten, bis der Schauer vorbei war. Mein Zeitplan war unerbittlich. Auch hatte ich keine Möglichkeit, mit der Straßenbahn oder anderen öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Die Strecke, die für mich infrage kam, war nur mit einem eigenen Verkehrsmittel zu bewältigen. An ein Auto hat damals noch keiner gedacht. Das war für uns unerschwinglich.

Wenn es regnete, zog ich meinen Klepper-Regenmantel an. Das war zwar nicht sehr vorteilhaft, weil man unter dieser Gummihaut sehr leicht ins Schwitzen kam. Aber eine andere Wahl hatte ich nicht. Ich konnte nicht warten, bis der Regenschauer vorüber war. Mein Tageszeitplan war unerbittlich. Zur Bergvorschule wollte ich aus den bereits genannten Gründen auf keinen Fall zu spät kommen. Und auf dem Weg zur Arbeit durfte ich mich auf keinen Fall verspäten. Wenn das passiert wäre und ich hätte die Seilfahrt am Schacht verpasst, hätte ich gleich wieder umkehren können. Der Lohn für diese Schicht wäre unwiederbringlich verloren gewesen. Und darauf waren wir angewiesen. Ich hatte ja jetzt für eine Familie zu sorgen, wenn sie auch erst aus nur zwei Personen und einem kleinen Hund bestand.

Ein Unsicherheitsfaktor, was die Zeit betrifft, war die Fähre über den Rhein-Herne-Kanal. Diesen Kanal musste ich ja bei jeder Fahrt, sei es zur Bergvorschule oder zur Arbeit, überqueren. Obwohl ich jeden Tag eine gewisse Wartezeit in Kauf nahm und entsprechend früh dort erschien, war die Wartezeit an der Fähre jeden Tag der größte Unsicherheitsfaktor.

Ich war jedes Mal froh, wenn ich den Kanal überquert hatte und weiterfahren konnte.

Eines Tages, zu Beginn der Schulwoche, erhielten wir eine schreckliche Nachricht. Unser Klassensprecher war tot! Er hatte vor einigen Tagen mit seinem Motorrad eine Fahrt ins Sauerland gemacht. Wohl durch zu schnelles Fahren war er mit seinem Fahrzeug im Straßengraben gelandet. Das Motorrad kippte um und fiel auf sein linkes Bein. Dadurch brachen seine beiden Knochen, Schienbein und Wadenbein im Unterschenkel. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht und starb dort einen Tag später an einer Fett-Embolie.

 Als wir diese Nachricht bekamen, waren alle erschüttert. Dazu kam noch die Tatsache, dass der Verunglückte vorgesehen war, als Austauschstudent für einige Zeit nach England zu gehen. Er sollte dort die Verhältnisse im britischen Bergbau kennenlernen. Dieser tragische Unfall fand so kurz vor dem geplanten Reisetermin statt, dass auch kein anderer einspringen konnte.

Leider blieb er nicht der Einzige, der aus unserer Klasse mit einem Motorrad ums Leben kam. Knapp ein Jahr später verunglückte ein anderer Klassenkamerad tödlich. Auch er hatte ein schweres Motorrad gefahren und bei einem Bremsmanöver seine Fähigkeiten überschätzt. Er stürzte ohne Beteiligung anderer Verkehrsteilnehmer und starb durch schwere Kopfverletzungen. Einen Schutzhelm hatte er nicht getragen. Das wurde erst einige Jahre später zur Pflicht.

 

 

 

 

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