Scheller: Endstation Marzahn

14,98
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Erlebnisse eines Studenten in Berlin

In vielen Bereichen sind die Folgen der jahrzehntelangen Teilung noch spürbar: Schwierigkeiten auf dem Wohnungsmarkt, Rechtsextremismus ... Jeder einzelne Wohnsitz des Protagonisten, eines jungen Mannes, eines Studenten, macht ein Kapitel des Romans aus. Und immer wieder fällt der Name eines Stadtteils, des Stadtteils Marzahn, ein Ort, den er von Anfang an meiden wollte. Am Ende bleibt ihm allerdings gar nichts anderes übrig als unfreiwillig dorthin zu ziehen. Und obwohl er immer mit den Rechtsradikalen umzugehen wusste, passiert schließlich die Katastrophe ...

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Dr. phil. Roland Scheller, Jahrgang 1966, studierte Anglistik und Kommunikationswissenschaften an der TU Berlin und war 1999/ 2000 Erasmus-/Sokratesstudent in Cardiff, Wales, ist Semiotiker und Doktor der Philosophie und arbeitete als Archivar am Universitäts-Klinikum Kiel, als Übersetzer und als Interviewer in der Markt- und Meinungsforschung (Emnid, Inra, Ipsos, Infratel, Infratest, Allensbach Institut).

 

Roland Scheller: Endstation Marzahn, 300 Seiten, Broschur, € 14,98 ISBN 978-3-86992-086-3

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Leseprobe:

 

INTRO

 

Nahe der City-West und in der Nähe der Technischen Universität befand sich ein Café, das recht klassisch eingerichtet war, in dem diverse Gemälde hingen. Doch nicht zuletzt durch die ockerfarbenen Wände wirkte es recht miefig. Es war vollgepfropft mit Tischen und Stühlen, sodass die Kellnerinnen beim Bedienen Schwierigkeiten hatten überhaupt durchzukommen, und die Gäste sich gegenseitig auf die Pelle rückten. Die Kundschaft kam überwiegend aus dem Studentenmilieu, auch Absolventen, die mal wieder die Studentenatmosphäre genießen wollten, aber auch Schüler, Künstler und ein paar wenige Dozenten waren darunter. Es gab Gelegenheitsbesucher und Stammgäste, die fast täglich dort herumlungerten. Die Kellnerinnen waren fast ausnahmslos Studentinnen, die sich mit dem Kellnern über Wasser hielten. Doch ihr Stundenlohn lag bei fünf Euro. Deshalb waren die Frauen auf Trinkgeld angewiesen. Die meisten von ihnen trugen während der Arbeit schwarze Oberteile, dazu lange Schürzen mit dem Namen des Cafés aufgedruckt. Das Café war recht dunkel, es gab darin nicht mehr als zwei Fenster und außerdem die gläserne Eingangstür. Das Herrenklo war ständig defekt. Niemand schickte sich an, es zu reparieren. Genauso wie an der nahen Universität wurden Beschwerden auch hier nicht weitergeleitet. Einer der Tresenmänner handelte mit Dope, es lagen verschiedene Tageszeitungen aus, die in eine extra Holzeinfassung eingespannt waren. Mal wurde Klassik gespielt, mal lief moderner Rock mit intelligenten Texten. Die Tresenmänner gaben sich sehr viel Mühe bei der Auswahl der Musik. Hier herrschte eine typische Caféhausatmosphäre mit Hintergrundmusik im mittleren Dezibelbereich und dem ständigen Getuschel der Gäste, dazu das Klirren von Gläsern, Geschirr und Besteck. Ab dem späten Nachmittag waren die Kellnerinnen meistens genervt. Um 17 Uhr war Schichtwechsel, auch am Wochenende. Um 18 Uhr kam Herr Madsen, um den Kassenstand zu überprüfen. Das geschah ganz diskret und ohne großes Aufsehen. Die Kellnerinnen machten keinen Hehl daraus, wenn sie einen Gast nicht mochten. Nur wenige von ihnen akzeptierten ausnahmslos jeden Gast. Einige Kellnerinnen jedoch legten ein sadistisches Verhalten gegenüber diversen Dauergästen an den Tag. Es waren zumeist die Singles, die regelmäßig allein an den Tischen saßen und obendrein versuchten, mit der jeweiligen Bedienung zu flirten. Das passte jedoch nicht in die hektischen Arbeitsschichten dieser weiblichen Teilzeitkräfte. Und sie machten eiskalt deutlich, dass sie sich mit den Gästen nicht unterhalten wollten, sondern diese komplikationslos bedienen. Doch auch ohne Schwierigkeiten verursacht durch die Gäste legten die kellnernden Studentinnen ständig Fehlverhalten an den Tag. Das resultierte wohl aus einer Frustration heraus, bedingt durch die schlechte Bezahlung, mit der das parallel laufende Studium finanziert werden sollte. Auch der unterschwellige Druck, den der Café-Besitzer Hr. Madsen bei seinen Stippvisiten in den Läden seiner Caféhauskette ausübte, war nicht unerheblich. Die Kellnerinnen hatten panische Angst, bei ihren Rauchpausen von ihm ertappt zu werden. Sie telefonierten regelmäßig mit ihren Freunden, um den aufgebauten Stress zu kompensieren und blockten weiterhin jeden Gesprächs- und Flirtversuch der männlichen Kundschaft ab. Diese Melange aus Angst vor dem Chef, Frustration durch die schlechte Bezahlung und Überforderung durch das Abwiegeln der männlichen Singles bewirkte eine gewisse Dynamik in der Arbeitsweise dieser Frauen, die sie für die männlichen Besucher umso interessanter machten. Wenn niemand ihnen ein Handzeichen gab, standen sie meistens gemeinsam an einem Vorsprung am Tresen. Abgesehen von der ersten Stunde nach Ladenöffnung am Morgen, arbeiteten zumeist vier Kellnerinnen gleichzeitig in dem Café. Und sie schauten entweder in den Spiegel hinter dem Tresen oder mit dem Rücken an den Tresen gelehnt in den großen Saal des Cafés hinein. Manchmal hatten sie dabei die Arme vor dem Busen verschränkt, manchmal die Hände in die Hüften gestemmt. Eine hielt sich permanent mit der rechten Hand die rechte Seite des Halses. Manchmal sahen sie dabei aus wie Raubtiere, die nur auf eine Gelegenheit warteten, auf ihre Opfer loszustürzen. Es kam hier fast täglich zu unliebsamen Zwischenfällen. So knallten die Kellnerinnen manchmal im Eifer des Gefechts den Gästen den Kaffee einfach auf den Tisch, dass dieser überschwappte, und sie entfernten sich vom Ort des Geschehens, als wäre das eine Selbstverständlichkeit. Es kam auch vor, dass etwas Kaffee auf die Jacken der Gäste kleckerte, die über den Stuhllehnen hingen. Mal wurde die Kaffeesahne nicht mitgeliefert oder die Zuckerstreuer waren verstopft. Hin und wieder wurden Gäste stillschweigend ignoriert. Dies geschah zumeist, wenn bekannt war, dass sie sowieso nur eine einzige Tasse Kaffe trinken würden und auch kein Trinkgeld geben. Pro Schicht hatte jede Kellnerin einen klar definierten Bedienungsbereich. Einige der männlichen Singles überblickten dies, setzten sich gezielt an einen Tisch, der einer der bevorzugten Kellnerin unterstand. Doch die Frauen waren in einzelnen Fällen so dreist, dass sie sich weigerten, die heimlichen Liebhaber zu bedienen und sie schickten einfach eine Arbeitskollegin in ihre alte Zone, um dem missliebigen Gast zu verdeutlichen, dass er sich besser woanders hätte hinsetzen sollen. Das sorgte häufig für böses Blut und es gab deshalb Streit, bei dem die Kellnerinnen rigoros durchgriffen und mir nichts dir nichts Hausverbot erteilten.

Wer sich der Gunst der jobbenden Studentinnen sicher sein wollte, hatte stets ein angemessenes Trinkgeld zu zahlen, und wehe, jemand überlegte bei der Bestellung zu lange, ihm wurde gesagt, „Ich komme gleich noch mal wieder“, und er musste erfahren, dass er die nächsten 15 Minuten nicht bedient werden sollte.

Doch es gab noch weitere Zwischenfälle. Mal wurde ein verschimmelter Apfelstrudel gebracht, mal wurde aus Versehen zu wenig Wechselgeld herausgegeben. Bitte und Danke war zu Stoßzeiten eher die Seltenheit. Leute, die nicht geduzt werden wollten, wurden geduzt. Leute, die nicht gesiezt werden wollten, wurden gesiezt. Wenn nur Pfennigbeträge als Trinkgeld gegeben wurden, galt das als Provokation, die Kolleginnen wurden darüber informiert, und der Übeltäter mit strafenden Blicken durchbohrt. Wenn ein Gast nach dem Verzehr noch lange am Tisch sitzen blieb, wurde ihm verdeutlicht, dass er allmählich den Laden zu verlassen habe. Dies geschah provokativ während mit einem Wischlappen über einen Tisch gewischt, der Aschenbecher ausgetauscht oder ein vorwurfsvoller Blick in Richtung leerer Tasse oder Glas geworfen wurde.

Oder es wurde aggressiv gefragt: „Möchten sie noch etwas bestellen?“

Eine weitere Maßnahme war eine Unterhaltung mit den Kolleginnen, die nach Blickrichtung, Gestik und Körperausrichtung zu urteilen eindeutig dem zu scheltenden Kunden galt. Einige Café-Gäste fühlten sich von den Kellnerinnen dermaßen gekränkt, dass ihnen der Atem stockte, einigen kochte das Blut, und sie entschlossen sich, nie wieder dieses Café zu besuchen, um Wochen später doch wieder ihre Vorsätze über den Haufen zu werfen. Andere amüsierten sich darüber, dem frustrierten Personal mal wieder zu begegnen. Wegen der permanent wechselnden Schichtbelegung war nie ganz klar, wer am betreffenden Tag arbeiten würde. Zudem konnten die Kellnerinnen untereinander die Schichten tauschen. Einige Gäste versuchten sich dennoch auszumalen, an welchen Tagen welche Kellnerin zu erwarten sei. Anderen Gästen waren diese mitunter sehr frustriert wirkenden Kellnerinnen grundsätzlich egal und sie lasen Zeitungen oder schrieben etwas, ohne die Frauen auch nur eines Blickes zu würdigen.

Selbst das konnte unter Umständen zu Missmut unter den eleganten Frauen führen, und wenn jemand intensiv las oder schrieb lief er ebenso Gefahr von einer Kellnerin angefaucht werden: „Darf es noch etwas sein?“

Äußerte jemand Sonderwünsche, behaupteten die Kellnerinnen, sie fühlten sich schikaniert. Das war immer der Fall, wenn jemand eine zweite Kaffeesahne haben wollte, und die verantwortliche Kellnerin noch ein zweites oder gar drittes Mal extra zum Tisch beorderte. Oder die Kellnerinnen fühlten sich sexuell belästigt, wenn jemand sie auf ihre Kleidung ansprach oder die Frisur thematisierte. Einige der Frauen fühlten sich zutiefst beleidigt, wenn sie nach ihrem Herkunftsort befragt wurden, dazu Rede und Antwort stehen sollten, um nach dieser Zwangspause wieder den ihnen zugeteilten Bereich nach Bestellungen abzurennen, und wohlmöglich die bisher erteilten Bestellungen wieder zu vergessen. Nichts war peinlicher, als ein zweites Mal zum Kunden zu gehen, um sich wegen der Bestellung zu vergewissern. Sie ignorierten, wenn es unter der Kundschaft Streit gab, schritten erst ein, wenn sich jemand beschwerte, weil ihm die Zeitung weggenommen wurde oder weil sich die Leute bei den eng beieinanderstehenden Tischen den Zigarettenrauch gegenseitig ins Gesicht bliesen, weil Hunde unter den Tischen winselten, oder weil Frauen sich von Männern angemacht fühlten, weil Leute sich gegenseitig anrempelten oder den sitzenden Gästen beim Vorbeigehen unachtsam die über die Schulter getragenen Sporttaschen ins Genick schlugen, ohne dies zu bemerken.

Die Kellnerinnen hatten außerdem Angst, dass der Besitzer jemanden beauftragen könnte, sich in den Laden zu setzen, um die Kellnerinnen zu observieren, und eventuelles Fehlverhalten weiterzutragen. In dem Café hingen mehrere Spiegel, sodass einige Leute andere beobachten konnten, ohne dass deren Gesichter einander zugewandt waren. Es gab hier die herrlichsten Missverständnisse. Wenn sich mal jemand nur über die Mahlzeiten auf den Speisekarten informieren wollte, galt das für manche Kellnerin bereits als versteckte Provokation, für andere als Flirtversuch oder als plumpe Anmache. Der Kunde hatte genau zu wissen, was er haben wollte, und es wurde ihm nur wenig Bedenkzeit eingeräumt. Zu viele Fragen schafften Misstrauen und der Kunde verschenkte kostbare Sympathiepunkte, die für sein Wohlergehen unwahrscheinlich wichtig waren. Erst wenn eine konkrete Bestellung exakt formuliert war, verhalf das zur Entlastung der gespannten Atmosphäre. Auch wenn der Besitzer immer nur für ein paar Minuten im Café war, hatte jede Kellnerin zu ihm ein persönliches Verhältnis. Er kannte ihre Namen und ein paar Details ihrer Lebensgeschichten. Deshalb glaubten einige Kellnerinnen, was ihren Dresscode anbetraf, aus der Reihe tanzen zu können, und mal ein Brasilientrikot, ein schwarzes Top oder eine braune Strickjacke zu tragen. Andere hielten sich akribisch ans vorgegebene Schwarz mit weißer Schürze. Da in der Stadt die Arbeitslosigkeit bei über 12 Prozent lag, StudentInnen ausgenommen, konnte der Besitzer sich die attraktivsten Bewerberinnen aussuchen. Er sprach Frauen auch auf der Straße an, wenn sie ihm gefielen, fragte, ob sie nicht Lust haben, in einem seiner Cafés zu arbeiten. Diese Methode war erfolgreich. Wenn sich die jungen Frauen bewährten, hielt er über viele Jahre an ihnen fest. Der Streit zwischen Kunden und Kellnerinnen war für ihn eher irrelevant, wenn sonst nichts Gravierendes vorfiel. Hauptsache die Kasse und das Verhältnis zu den für ihn tätigen Frauen stimmten. Das war der Fall, wenn diese Frauen seine Vorgaben demütig umsetzten. Ob sonst noch etwas lief, konnte sich niemand vorstellen.

Der Besitzer war ein Vollprofi, der schon über zwanzig Jahre im Geschäft war. Zu seiner Kette gehörten elf Cafés, er besaß ferner Hotels und Immobilien. Von Außenstehenden daraufhin befragt, klagten die Kellnerinnen häufig über schlechte Arbeitsbedingungen und die miese Bezahlung, und dass es sehr schwierig sei, nebenbei ein Studium aufrechtzuerhalten. Einige Gäste schlugen sogar vor, eine Kellnerinnengewerkschaft zu gründen oder sich sonst in irgendeiner Form zu organisieren. Solche Anregungen wurden anfangs begrüßt, jedoch schnell wieder verworfen.

Viele der Kellnerinnen sahen sich einem Teufelskreis ausgesetzt: Würden sie noch mehr arbeiten, um mehr Geld zu verdienen, so hätten sie weniger Zeit fürs Studium, würden sie mehr Zeit ins Studium investieren, um es eher abschließen zu können, so könnten sie deutlich weniger Geld fürs Leben verdienen. Einige kellnerten nebenher noch in anderen Cafés oder Bars, andere bekamen von ihren Eltern regelmäßig Geld zugeschossen. Alle paar Monate wurden die Schichten neu eingeteilt. Danach war Schichttausch nur unter genauester Absprache möglich.

Was die Zusammensetzung der Gäste betraf, spiegelte die Szenerie nicht unbedingt den Status der Stadtbevölkerung wieder, denn es waren verhältnismäßig viele Studenten anwesend. Häufig fanden sich hier Berlinreisende ein, die über einen Hinweis im Reiseführer an das Café gelangt waren. Der Bahnhof Zoo war lediglich 300 Meter entfernt. Außerdem befand sich zwei Hauseingänge weiter in Richtung Ernst-Reuter-Platz ein Jugendgästehaus im vierten Geschoss des bulligen Altbaus, links und rechts neben dem Café befanden sich Bücherläden, der eine stark, der andere weniger stark frequentiert. Mal konntest du in dem Café von draußen etablierte Glatzköpfe sitzen sehen, mal strebsame Studenten, die in Arbeitsgruppen für ihr Informatik-Studium schufteten, mal Sportler, die zuvor in den Sporträumen der nahen Universität an Veranstaltungen teilgenommen oder zwei Straßen weiter im Fitness-Center einen Kurs belegt hatten. Viele gingen hier hinein, da sie Bekannte von der Uni oder aus ihrem Wohnumfeld vermuteten, die ein oder anderen hatten an einem der Tische ihre Blind Dates, andere ihre regelmäßigen Sozialkontakte oder Sprachzirkel. Dieser Ort war einer der beliebtesten Treffpunkte weit und breit. An der Wand neben dem Durchgang zur Küche hing ein riesengroßes Gemälde, das das Café selbst darstellte. Die Elemente muteten sehr expressionistisch an, es war viel Schatten zu sehen und die Gesichter waren nur schematisch dargestellt. Ein Betrachter konnte sich auf diesem Gemälde wieder finden, denn es spiegelte perspektivisch den Sitzbereich der Betrachter wieder. Ziemlich in der Mitte des Cafés stand ein Klavier, an dem selten mal jemand die Erlaubnis erhielt, ein eingeübtes Stück zu spielen. Immer wenn in dem Café Hochbetrieb herrschte, waren die Kellnerinnen und der Tresenmann halt besonders gestresst. Sie waren außerordentlich reizbar, reagierten häufig aggressiv und waren ungewollt unfreundlich zu vielen Gästen. Die Mädels pesten durch den Laden und es war ein Wunder, dass nicht mehr Geschirr zu Bruch ging. Das Motto lautete sehen und gesehen werden. Hier trafen sich speziell am Sonntagnachmittag Jungingenieure, frischgebackene Absolventen, Neureiche und Leute, die einfach nur „bluffen“ wollten. Es galt als Prestige, in diesem Café gesichtet zu werden. Manch einer fragte sich, für was man ihn denn halte, ob für einen Künstler, einen Neureichen oder gar für einen bekannten Wissenschaftler. Die Kellnerinnen interessierten sich nicht für den Status ihrer männlichen Kundschaft, denn sie hatten alle ihre eigenen Beziehungskisten, die sich zum Teil schon während der Schulzeit etabliert hatten. Und sie hielten aus Gründen der Unkompliziertheit daran fest.

Der Bus hielt direkt neben dem breiten Bürgersteig an der Terrasse des Cafés, die die Besucher zu überqueren hatten, wenn sie in den Innenbereich gelangen wollten. Nur bis zum Spätsommer standen auch auf der Terrasse Tische, Stühle und Sonnenschirme.

Zu den Heißgetränken wie Kaffee, Tee oder Kakao wurde nie ein Keks mitgeliefert. Der italienische Kaffee kam ständig ohne ein Glas Leitungswasser, wie es sonst in so vielen anderen Cafés der Fall war. Und fragte jemand dennoch nach einem Keks, so wurde er belehrt, das sei hier nicht üblich.

Verlangte jemand dennoch ein Glas Leitungswasser, so wurde es nie ohne Kommentar seitens der Kellnerin gebracht: „Das ist eine Anmache!“, oder „Das machen wir sonst nicht“, oder „Das schafft nur unnötigen Abwasch.“

Der italienische Kaffee stand nicht mit auf der Speise- und Getränkekarte. Bestellte jemand einen, so war dieser als Eingeweihter entlarvt, denn der herkömmliche Kaffee wurde sogar von den Kellnerinnen hinter vorgehaltener Hand als Plörre bezeichnet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Part 1

 

Corinthstraße

 

Wenn erst einmal 1000 Autos und Lkws vorbei gerauscht sind, hast du unweigerlich keine Lust mehr weiterzutrampen. Die Gesichtszüge verhärten sich, die Augen brennen. Je nach Witterungsverhältnissen verkrampfen die Finger, es stellen sich erste Schwindelgefühle ein, wenn permanent rechts neben dir die Kraftwagen durchrauschen. Besonders schlimm ist es vor Ampeln, wenn Busse oder Lkws ihre Abgase mit Ruß ausblasen. Da fragt sich der Tramper, ob 30 Jahre Umweltpolitik, Katalysatordiskussion und Schadstoffgrenzwerte nur eine Maskerade waren, um danach die Umwelt weiter sinnlos zu verdrecken. Doch was denken die Autoinsassen, wenn rechts am Straßenrand ein mehr oder weniger verwegener Typ mit oder ohne Trampschild steht? Halten sie ihn für einen Sittlichkeitsverbrecher, Vergewaltiger oder sogar für einen Mörder? Der Tramper fühlt sich im Extremfall wie eine Prostituierte, die an der Straße darauf wartet, aufgelesen zu werden. Auch beim Tramper geht es um Geld, die Prostituierte am Straßenstrich platziert sich aus Geldnot, um von den Freiern nach dem Akt Geld zugesteckt zu bekommen. Der Tramper stellt sich an den Straßenrand, um Geld zu sparen oder weil er keins hat. Der Vergleich mit Prostituierten kommt bestimmt auch Truckern und PKW-Fahrern in den Sinn. Vielleicht wünschen sich viele Fahrerinnen insgeheim einen kräftigen Tramper neben sich, vielleicht sogar eine heimliche Affäre. Doch die Angst vor Delikten überwiegt bei der Entscheidung einen Tramper am Straßenrand stehen zu lassen. Für den Tramper wird die Trampstelle auf Dauer unweigerlich zu einem heiligen Ort. Jede Facette prägt sich ins Gedächtnis ein, jedes Verkehrsschild, jede Leitplanke, jeder Kantstein, jedes Graffiti und jedes Haus in der näheren Umgebung. Steht ein Tramper zu lange an derselben Stelle, oder erweist sich eine Trampstelle als ungeeignet, verflucht der Anhalter den Ort, und er erinnert sich unter Umständen bis an sein Lebensende an den Tag, an dem er sich die Beine in den A... stand. Spätestens nach einer halben Stunde geht es los mit dem Appetenzverhalten. Erst wird eine Faust in der Tasche geformt, die Füße und Beine werden unruhig, der Tramparm wird gehalten, als wolle er jemand in den Schwitzkasten nehmen, das alles nur, um die Krämpfe zu unterdrücken und die Verspannung im Schulterbereich zu regulieren. Schließlich muss der Tramper seine Reaktionen auf die Autofahrer unterdrücken, muss verhindern, dass er obszöne Gesten widerspiegelt, dass er ausspuckt oder flucht. Ein Tramper kann nicht immer lächeln, kann auch nicht mit jedem Autofahrer Blickkontakt halten. Sobald ersichtlich ist, ein Fahrer wird nicht anhalten, wird ein Wagen weiter hinten anvisiert. Fahren Autos parallel, wandert der Blick hin und her, und es muss die Entscheidung fallen, welcher Fahrer mit einem freundlichen Gesichtsausdruck zum Halten animiert werden soll. Bald fangen die Beine an zu schlackern. Wie ein Dozent vor einem Auditorium geht er ein paar Meter vor und wieder zurück, um danach wieder tief in den Asphalt zu starren. Trampen kann verdammt frustrierend sein. Immer wieder kommt Panik auf: schaffe ich die Tour in der geplanten Zeit? Komme ich hier bis zum Einbruch der Dunkelheit weg? Komme ich in einem Rutsch durch? Hoffentlich fängt es nicht an zu gießen. Wie soll ich reagieren, wenn die Polizei halten sollte?

Noch zu Hause oder erst an der Trampstelle wird das Trampschild erstellt. Darauf erscheint das Kennzeichenkürzel der anvisierten Stadt: HH, B, KI. Dazu brauchst du ein ausreichend großes Pappschild und einen dicken Filzer. Zur Not tut es auch ein Kugelschreiber. Gerade an verästelten Straßenverbindungen ist ein Trampschild stets von Vorteil. In unbekannten Gegenden empfiehlt es sich nach der idealen Trampstelle zu fragen.

Bei starkem Wind und schnell vorbeifahrenden Lkws und Bussen muss der Tramper aufpassen, dass ihm das Schild nicht aus der Hand gerissen wird. Es kann unter Umständen auch zu Kollisionen des Pappschildes mit zu weit abstehenden Außenspiegeln kommen.

Spätestens bei dichtem Verkehrsaufkommen wirst du daran erinnert, dass der CO2-Ausstoß sich niemals wirklich verringern wird, dass die Lügen der Automobilindustrie weitergehen, uns vorgegaukelt wird, schadstoffverbesserte Motoren und Energien würden dies ändern. Doch je älter die Autos werden, desto mehr stoßen sie aus, es gibt immer mehr Autos, Staus, Alleinfahrer, Anhänger, Straßen, Fahrer über 80, Motorräder oder andere motorisierte Fahrzeuge. Und in fast jedem Auto sitzt nur eine Person. Vielleicht wäre es sogar am besten, wenn sich Tramper in einer Vereinigung zusammenschließen, und die Mitglieder ein Identifizierungsschildchen mit Foto und Namen an der Jacke tragen würden – ähnlich wie die Verkäufer von Straßenzeitungen – um den Autofahrern das Argument und die Angst zu nehmen, es könnte sich um einen potenziellen Vergewaltiger handeln. Manchmal ist es wie ein Spuk, die unzähligen Luxuskarossen auf den Straßen zu sehen, die blitzschnell die Spur wechseln, als würden sie jedem Gesetz der Schwerkraft trotzen. Manchmal wirkt es, als hätte ein übergeordneter Algorithmus diese Fahrzeuge zu Gruppen zusammengefügt, die gemeinsam wie ferngesteuerte Carrera-Autos über die Autobahnen einem hoch wichtigen Ziel entgegen jagen. Die funkelnden Designer-Karosserien wirken wie plastisch. Spätestens, wenn die tausendste dunkelfarbige Karosse vorbeigeflitzt ist, glaubst du als Tramper, die Menschen verhungern in Afrika, nur weil weite Teile der Bevölkerung in Europa und anderswo nichts anderes zu tun haben als Luxusgüter zu horten. Aber lassen sich Autos gegen Lebensmittel tauschen? Doch das Schlimmste ist das diabolische Lachen einiger Autoinsassen, die sich fast gar nicht mehr einkriegen können. Sie machen sich über das Schicksal anderer Leute lustig, die sich nicht einmal mehr ein Bus- oder Zugticket leisten können, oder die keinen Platz mehr bei der Mitfahrzentrale gefunden haben. Es wirkt sehr sadistisch, zwischendurch sind wieder Wagen mit verdunkelten Scheiben zu sehen, die mafiaähnlich wirken. Einige fahren im Vorbeifahren ihre Antennen ein oder aus, wechseln dabei servo-beflügelt die Spur – Deutschland, Land der Angeber und Protze. Andere spritzen im Vorbeifahren Reinigungsmittel aus der Düse der Kühlerhaube. Jetzt riecht alles für Minuten nach Geschirrspülmittel. Nicht nur wegen der radikalen Umweltverschmutzung drängt sich der Slogan auf:

„Autofahrer sind potenzielle Mörder!“

Wenn ein Sportwagen hält und automatisch das rechte Seitenfenster einen schmalen Spalt nach unten fährt, brauchst du gar nicht zu fragen, ob er dich mitnimmt.

Richtig gefährlich wird es, wenn der Kantstein hoch ist und ein Schwertransporter haarscharf mit weit abstehendem Spiegel an deinem Kopf vorbei schrammt. Wie ein angeschlagener Boxer musst du einem Schwinger ausweichen, sonst erwischt er dich. Aber auch diese Gedanken sind schnell vergessen, wenn ein Auto aus den endlosen Blechlawinen ausschert, um auf Höhe des Trampers zu halten. Es sind meistens nur die Ausländer, die mitleidvolle Blicke werfen. Alle anderen wirken unterkühlt, ignorant oder sadistisch.

Wenn sie wollten, könnten Tramper die wildesten Geschichten erzählen. Sie können wahre Verkehrsstatistiken erstellen: über defekte Scheinwerfer, aggressives Fahrverhalten, Raserei, Wettrennen, Imponiergehabe, Leute mit Handy am Steuer, telefonierend oder SMS verschickend, Nicht-Blinker, Opfer von defekten Navigationsgeräten, die Anzahl von Personen pro Auto, wo die Hunde sitzen, wo die Zigarette gehalten wird, Frauen am Steuer, Anzahl der Luxuskarossen, angeschnallt oder nicht.

Auch geschlechtsspezifische Unterschiede ließen sich bei den Insassen von vorbeifahrenden Autos feststellen. Fahren zwei Frauen vorbei, wird wenn überhaupt mal ganz dezent nach rechts in Richtung Tramper geblickt. Fahren zwei oder mehrere Männer in einem PKW vorbei, wird zumeist gelacht, gelästert oder wild gestikuliert, manchmal auch gehupt. Männer scheinen deutlich euphorischer auf Tramper zu reagieren als Frauen. Vielen jungen Männern ist anzusehen, dass sie ihre Witze reißen, einige verdrehen regelrecht ihre Köpfe, viele wirken dabei wie Idioten. So würden sich Frauen nie verhalten.

Es kommt vor, dass jemand den Kopf schüttelt oder als Entschuldigung die eigene Fahrtrichtung oder das Ziel mit einer Zeigegeste signalisiert: „Ich bleibe hier im Ort!“, oder „Ich nehme die nächste Abfahrt!“

Das sind fast ausschließlich allein fahrende Männer zwischen 40 und 60, die wahrscheinlich sowieso nie einen Tramper mitnehmen würden. Wenn mal eine Frau leicht zur Seite linst oder lächelt, dann nur sehr zurückhaltend. Dies sind meistens Beifahrerinnen über 50. Sie geben zu erkennen, wie gemütlich es zu zweit in einem Auto sein kann. Junge Partnerinnen auf dem Beifahrersitz tendierten eher dazu, aus dem Augenwinkel den Tramper unauffällig anzublicken, um Coolness zu demonstrieren oder um sich nicht mit dem Partner hinter dem Steuer anzulegen, der eifersüchtig zu werden droht. Doch die meisten haben Mitleid oder Angst.

Die frustrierenden Momente des Trampens ereignen sich, wenn ein Wagen am anderen Ende der Haltebucht oder weiter vorne auf dem Standstreifen hält – am besten noch mit hell erleuchteten Zusatzbremslichtern im Rückfenster – und der Tramper schnappt sich sein Reisegepäck und läuft zum Fahrzeug, doch das Fahrzeug gibt urplötzlich Gas, unmittelbar bevor der Anhalter das Fahrzeug erreicht. Da steigt in jedem Tramper Wut auf. Es ist immer dieselbe Personengruppe, die Tramper verschaukelt: mehrere junge Leute in einem Auto, die offensichtlich noch nicht sehr lange den Führerschein besitzen und lediglich kleinere Vergnügungsfahrten unternehmen. Es sind häufig die gleichen Fahrzeugtypen, schwarze kompakte Billig-Sportwagen mit partiell verdunkelten Fenstern, Heckspoiler und zusätzlich eingebauter Heckbeleuchtung. Vielleicht sind es Bundies auf ihren abendlichen Sauftouren? Manchmal kommt im Tramper das Bedürfnis auf, irgendetwas spontan hinterher zu werfen.

Nachdem sich die beiden Studenten aus Kiel an der Technischen Uni in Berlin eingeschrieben hatten, fanden sie nicht auf Anhieb eine Wohnung. Sie fuhren bereits vor Semesterbeginn mehrmals zu zweit nach Berlin, um ein akkurates Objekt zu finden, mal per Anhalter, mal mit dem Zug und mal mit der Mitfahrzentrale.

Während der ersten Tage der Wohnungssuche waren sie bei einem alten Schulfreund untergebracht. In den großen Stadtmagazinen mit ihren Veranstaltungshinweisen und Kleinanzeigen und in einer Secondhand Zeitung fanden sie mehrere vielversprechende Angebote. Sie telefonierten mit mehreren Inserenten und arrangierten Besichtigungstermine. Zunächst wollten sie sich die Wohnung eines Arabers namens Tarik in Berlin-Schöneberg ansehen, doch als sie am Treffpunkt erschienen und klingelten, erfuhren sie über die Haussprechanlage:

„Die Wohnung ist soeben vergeben worden.“

„Ist das ganz sicher? Ist der Mietvertrag schon unterschrieben?“, hakten sie nach.

„Die Wohnung ist ganz sicher vergeben!“, bestätigte Tarik.

Als Nächstes wurden sie zu einer Wohnungsbesichtigung in den Prenzlauer Berg eingeladen. Das Objekt befand sich im Parterre eines Altbaus in der Stargarder Straße, gleich links davon, gut 50 Meter weiter, befand sich die Gethsemane-Kirche. Mit der Gegend konnten sie sich sofort anfreunden, der Anblick der Kirche war ihnen schon aus den Medien vertraut, denn hier traf sich früher ein Teil der Protest-Szene. Sie klingelten und ein älterer Herr, Mitte fünfzig, in einem Anzug und mit Oberlippenbart öffnete ihnen die Wohnungstür. Nach einer förmlichen und freundlichen Begrüßung bat er sie hinein. Die Zweiraumwohnung war weiß gestrichen. Es standen ein paar alte braune Möbel herum, in beiden Zimmern stand jeweils ein frisch bezogenes Bett mit aufgeblähtem Bettzeug.

„So, das sind jetzt die Zimmer, ich habe dazu noch ein paar Daten“, sagte der Vermittler, öffnete seinen schwarzen Aktenkoffer, ohne dass die Studenten hineinsehen konnten, und holte etwas Papierkram hervor.

In den kühlen Zimmern roch es frisch und muffig zugleich. Wahrscheinlich wurde Raumspray verwendet. In beiden Zimmern hingen mittelgroße Kruzifixe an der Wand. Das stieß die beiden jungen Leute ein wenig ab. Hier hatten offensichtlich zwei ältere Herrschaften gewohnt.

Jetzt ging es um die Eckdaten der Wohnung. Der Oberlippenbart nahm einen fertigen Mietvertrag zur Hand und gab sich alle Mühe, ihnen die Wohnung schmackhaft zu machen. Doch sie empfanden den Preis von 350 DM für die damaligen Ostberliner Wohnungspreise als deutlich überteuert, denn die Wohnung war möbliert und die beiden Zimmer nicht besonders groß. Sie wollten sich die Sache noch einmal durch den Kopf gehen lassen und den Vermieter in den nächsten Tagen anrufen.

Sie hatten den Eindruck, dass der Wohnungsmarkt ein halbes Jahr nach der Wiedervereinigung recht entspannt war. Sie gingen aus dem Haus, gingen kurz zur Kirche und schauten sich das Eingangsportal an, nahmen den Weg zurück am besichtigten Objekt vorbei zum U-Bahnhof Schönhauser Allee.

„Weißt du was, die Zimmer sehen aus wie Sterbezimmer!“, sagte Mikka zynisch.

Die Besichtigung gab ihnen noch weitere Rätsel auf. Es kam ihnen so vor, als seien die Bewohner vor Kurzem verstorben, und ein Außenstehender wollte mit dem Leerstand Geld verdienen. Die Sache kam ihnen nicht ganz korrekt vor. Auch der biedere Vermittler wirkte mit seinem schwarzen Aktenkoffer etwas unseriös. Doch damals wurde viel gemutmaßt.

Die beiden jungen Männer nahmen die U-Bahn in Richtung Alexanderplatz. Sie fuhren diese Verbindung zum ersten und letzten Mal. Der Streckenverlauf mehrerer Untergrundbahnen wurde von den Stadtoberen in nächster Zeit neu arrangiert, um den Verkehr zwischen den beiden Stadthälften wieder zum Fließen zu bringen. Sie konnten nicht ahnen, dass diese U-Bahn später als U2 sogar bis zum Ernst-Reuter-Platz fahren würde, quasi vor die Haustür ihrer neuen Uni. Die U1 hingegen, aus Kreuzberg kommend, fuhr bald hinter dem Wittenbergplatz in Richtung Krumme Lanke weiter und nicht mehr wie gewohnt in Richtung Olympiastadion nach Charlottenburg – schönes neues Chaos.

Sie hatten bereits mehrere Wohnungen besichtigt, als sie in einer Stadtzeitschrift die Annonce der Mitwohnagentur Strack fanden. Sie wählten die angegebene Telefonnummer und vereinbarten einen Termin für einen Besuch bei der Vermittlungsagentur in der Immanuelkirchstraße im Prenzlauer Berg, nahe der S-Bahn-Station Greifswalder Straße. Diese Mini-Firma war in einer stinknormalen Wohnung untergebracht. Herr Strack sah sehr gepflegt aus, war Ende 40, trug eine moderne Kurzhaarfrisur und elegante Kleidung. Jedoch erweckte die goldbraune Tapete in diesen als Büro eingerichteten Räumlichkeiten einen miefigen Eindruck. Nach einer übertrieben freundlichen Begrüßung holte Herr Strack eine Box mit Karteikärtchen hervor, wie sie jeder Geschichtsstudent für seine Zitatensammlung, Geschichtszahlen oder Begriffserklärungen anlegen sollte. Doch Herr Strack sammelte darin die Wohnungsangebote, die er seinen Kunden vorlegte. Er gab den beiden mehrere Kärtchen in die Hände, die ihren Wünschen gerecht wurden.

Es waren ausschließlich Wohnungen in der östlichen Stadthälfte auf den Kärtchen angeboten, darunter viele Objekte in Friedrichshain, Lichtenberg und im Prenzlauer Berg. Sie erfuhren mehr und mehr zuvor unbekannte Straßennamen von dem Herrn. Doch die beiden hatten genaue Vorstellungen, sie wollten weder in einem Plattenbau wohnen, noch zu weit außerhalb des Stadtzentrums. Der Westteil der Stadt sollte von dort gut erreichbar sein. Schließlich notierten sie sich die Daten von drei Wohnungen, die sie in den folgenden Tagen besichtigen wollten. Für den Fall, dass sie sich für eine der Wohnungen entscheiden sollten, hätten sie dem Wohnungsvermittler zwei volle Monatsmieten als einmalige Vermittlungsgebühr zu zahlen, und pro Monat, den sie in der Wohnung verbringen würden, kämen 10 Prozent vom Mietwert als Gebühren an den Vermittler hinzu.

Auf dem Karteikärtchen für das Objekt in der Corinthstraße stand zwar mit Bleistift, dass die Wohnung nur für rund sechs Monate zu vermieten sei, jedoch teilte Herr Strack mit, dass es auch für länger ginge.

Als sie sich von Herrn Strack verabschiedeten, stand bereits ein Ehepaar aus Schweden im Hausflur, das sich ebenfalls für eine Wohnung bewerben wollte, die sie jedoch nur an den Wochenenden zu nutzen beabsichtigten.

Die beiden frisch Immatrikulierten machten sich mit den Wohnungsvorschlägen auf den Weg. Da die zu vermietenden Objekte derzeit unbewohnt waren, sollten sie die Hauptmieter direkt in deren neuen Wohnungen aufsuchen. Es war nicht möglich, die Personen vorher anzurufen, denn jetzt ein halbes Jahr nach der Wiedervereinigung verfügten nach wie vor nur die wenigsten Ostberliner über einen Telefonanschluss. Unter anderem besuchten sie einen Gleisarbeiter namens Michael in seinem Wohnobjekt in der Dossestraße nahe dem S-Bahnhof Frankfurter Allee. Dieser wollte seine alte Bleibe in der Corinthstraße in Friedrichshain nahe dem S-Bahnhof Ostkreuz untervermieten. Er brauchte diese nicht mehr, da er jetzt mit Frau und Kindern in der sehr viel größeren neuen Unterkunft zu Hause war.

Die Studenten waren schon gespannt, da sie sich in einer ganz neuen, geheimnisvollen und ungewohnten Welt bewegten. So weit waren sie noch nicht in das ehemalige Ost-Berlin vorgedrungen.

Sie trafen Michael, den Hauptmieter der zu vergebenden Wohnung, tatsächlich in dessen neuer Wohnung in der Dossestraße an. Er wohnte im Parterre und sie klopften von draußen gegen das graue heruntergelassene Rollo. Der Fernseher lief im Hintergrund, und nach einem Augenblick wurden sie in die Wohnung gelassen. Nachdem Michael den Grund ihres Besuches erfuhr, mobilisierte er einen seiner Nachbarn und dessen Wartburg, bat die beiden jungen Männer mit ins Auto, und sie fuhren zu viert zu der besagte Wohnung in der Corinthstraße. Michael kommentierte während der Fahrt die Umgebung, sagte etwas zum S-Bahnhof Ostkreuz und dem übergroßen Wasserturm. Sie parkten auf dem Bürgersteig in zweiter Reihe. Die Besichtigung dauerte nur wenige Minuten. Die Wohnung erschien den Studenten akzeptabel, sie sollte 400 DM kosten, bestand aus eineinhalb Zimmern, der Küche und einer Toilette auf halber Treppe. Doch die braunen Wohnungsschlüssel wirkten eher wie kleine Kreuzschraubenzieher. Die Unterschiede zu ihrer eigenen Welt reichten bis ins kleinste Detail.

Moritz wurde das Gefühl nicht los, als würde er diesen Michael irgendwoher kennen. Er hatte in den Jahren vor der Wende schon mal ein Schlüsselerlebnis bei seinem insgesamt zweiten Besuch im damaligen Ost-Berlin.

Mikka besorgte zwei vorgedruckte Mietverträge, die sie mit Michael in der Dossestraße ausfüllten. Sie saßen auf dem Sofa, auch Michaels Frau und Kinder waren anwesend, der Fernseher lief leise im Hintergrund. Schließlich baten sie Michael, falls Herr Strack sich erkundigt, ob die beiden Studenten die Wohnung genommen haben, ihm eine negative Antwort zu erteilen:

„Sie erhalten die gesamte Miete direkt von uns, und wir können uns die Vermittlungsgebühren sparen.“

„Damit bin ich einverstanden!“, entgegnete Michael.

In Ruhe und freundschaftlich beseitigten sie alle Ungereimtheiten und setzten ihre Unterschriften unter die Verträge.

Ob Strack sich das Geld letztendlich von Michael wiederholte, erfuhren sie nicht.

Die Studenten waren zufrieden endlich eine Wohnung gefunden zu haben, auch wenn die Wohngegend zu dieser Zeit immer noch ein recht karges Bild abwarf. Die erste Miete bezahlten sie in bar, sie erhielten die Schlüssel und zogen sofort ein in die 1,5-Raumwohnung im dritten Stock des Hinterhauses. Sie ließen das Los entscheiden, wer das große und wer das kleine Zimmer bekommen sollte. Obwohl Mikka den Los-Entscheid gewann, sagte er

„Ich nehme doch das kleine Zimmer, in das große muss ich zu viel Arbeit investieren.“

Und sie versuchten es sich in ihrem neuen Zuhause gemütlich zu machen, soweit ihre Ressourcen das ermöglichten.

Als sie eines Abends einen Spaziergang machten, fragte Mikka:

„Glaubst du, dass Michael in der Stasi war?“

„Ich glaub' nicht, dafür ist er zu bieder“, entgegnete Moritz.

„Stimmt, der wirkt wie eine graue Kirchenmaus. Außerdem war er Gleisarbeiter. Die brauchten wohl einen bestimmten Level in der Gesellschaft“, steuerte Mikka bei.

Moritz gab seine Vermutungen preis: „Ich tippe eher auf Strack, vom Typ kann das hinkommen. Es ist schwer zu sagen. Er hat das neue System schnell begriffen.“

Und Mikka stimmte ihm zu: „Ja, das glaube ich auch. Der scheint abgewichst und skrupellos zu sein. Ich möchte nicht wissen, was der mit seiner Wohnungsvermittlung für einen Reibach macht.“

Moritz war vor der Wende bereits mehrmals im ehemaligen Ost-Berlin, das erste Mal 1984 auf Klassenfahrt. Sie wurden im Jugend-Sporthotel in Schöneberg direkt am Babystrich einquartiert. Er war gerade sitzen geblieben und seine neuen Schulkollegen hatten ihn noch nicht so recht akzeptiert. Sie gingen damals für einen Nachmittag geschlossen in die östliche Stadthälfte.

Auf dem Programm stand ein Besuch im Zeughaus. Den restlichen Nachmittag durften sie in kleinen Gruppen selbst gestalten. Sie gingen zu viert in die Schwimmhalle im SEZ im Prenzlauer Berg, aßen einen Gänsebraten irgendwo in Pankow. Als Schüler freuten sie sich über die tiefen Preise. Sie tranken eine ganze Menge Bier.

Er hatte nicht mehr viele Erinnerungen an den restlichen Nachmittag. Ein Schild mit der Aufschrift „Abgang“ auf dem Bahnhof Alexanderplatz konnte er nicht mehr vergessen. Das hing auch sieben Jahre später noch dort. Er wunderte sich über die Fahrkartenautomaten in den Straßenbahnen, in die sie 20 Ost-Pfennige einzuwerfen hatte. Doch die Fahrkarten-Ausgabe funktionierte auch ohne Geldeinwurf. Das war für die Schulklasse ein großer Lacher. Sie hatten ihre Vorurteile, für sie hatte wirklich alles eine schlechtere Qualität als zu Hause im Westen. Sie diskutierten lange über die Unterschiede.

Später bekam ein Klassenkamerad Ärger mit einer Prostituierten in der Kurfürstenstraße in unmittelbarer Nähe des Jugend-Sporthotels. Der Schüler schoss ein Foto, während die Frau an der Straße anschaffen ging. Die Frau wirkte auf den ersten Blick eher wie eine Journalistin.

Sie lief schreiend auf ihn zu: „Von mir machst du keine Fotos!",

riss ihm die Kamera aus der Hand, öffnete sie, holte den Film heraus, warf diesen auf den Boden und zertrampelte ihn mit ihren High Heels.

Danach gab sie ihm den leeren Fotoapparat wieder. Der Schüler zeigte dabei keine Spur von Widerstand und lächelte verschämt, bis er sich wieder seinen Schulfreunden anschloss. Er hatte einen hochroten Kopf. Langsam wurde den Schülern klar: im näheren Umkreis vom Hotel ist die Hölle los.

In der Nähe des Magdeburger Platzes, keine fünf Minuten vom Jugendhotel entfernt befand sich die Diskothek „Sound“, bekannt aus dem Roman „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Sie wagten sich damals als Schüler einmal am frühen Abend gegen 20 Uhr in diese Hard-Rock-Disco. Es war noch nichts los, sie waren fast die Einzigen hier und trauten sich sogar auf die Tanzfläche. Sie spielten Luftgitarre. Natürlich hatten sie zuvor eine Menge Alkohol konsumiert.

Sehr beeindruckt waren sie von den Geister-U-Bahnhöfen, die vermutlich auf Ost-Territorium lagen, jedoch von den Westberliner U-Bahnen, die an einigen Stellen die Grenze überschritten, nicht angelaufen werden durften. Die U-Bahnen rauschten dort mit unverminderter Geschwindigkeit vorbei. Nur am U-Bahnhof Friedrichstraße durfte offiziell gehalten werden, und an den typischen goldgrauen Kontrollstationen wurden Grenzkontrollen durchgeführt. Sie wollten unbedingt noch ein Gruppenfoto an der Mauer aufnehmen. Sie suchten sich eine Stelle mit ansprechenden Graffitis, lehnten sich an das an das Bauwerk und baten einen Passanten, ein Foto zu schießen. Ein schönes Erinnerungsfoto.

Bei seinem zweiten Ost-Berlin-Besuch, nach dem Abitur 1988, fuhr er mit seiner damaligen Freundin per Mitfahrzentrale. Es gab Probleme am Grenzübergang Gudow. Die Grenzbeamten ließen den PKW eine Dreiviertelstunde direkt neben dem Kontrollhäuschen parken.

Schließlich hieß es, „Das Auto hat einen Achsenbruch, so können wir sie nicht weiterfahren lassen!“

Das Auto musste wenden und fuhr zu einem Parkplatz auf der gegenüberliegenden Seite der Autobahn.

Doch der herbeigerufene ADAC-Mitarbeiter betonte „Achsenbruch sagt er... Ich kann hier nichts finden. Das Auto ist in Ordnung.“

Sie versuchten es ein zweites Mal und durften diesmal ohne weitere Kontrolle passieren.

Sie quartierten sich bei dem Cousin der Freundin in der Elbestraße in Neukölln ein. Während des viertägigen Berlintrips fuhren sie für einen Nachmittag in die östliche Stadthälfte. Sie nahmen den Übergang Friedrichstraße und liefen einfach drauflos. Moritz wollte aus irgendeinem Grund in Richtung Uni-Campus, doch ihm fehlte die Orientierung. Sie liefen die Friedrichstraße in Richtung Oranienburger, als plötzlich ein Lada neben ihnen hielt, in dem sich zwei Personen in Zivil befanden. Die Person auf dem Beifahrersitz stieg aus und forderte sie auf, stehen zu bleiben. Er ging weiter auf sie zu und forderte die Reisepässe. Mit Widerwillen aber ohne Gegenrede holten die beiden jungen Leute ihre Papiere aus den Jackentaschen und gaben sie dem Mann, der eine Art Schiffermützen-Replikat trug. Er warf nur einen kurzen Blick auf die Pässe. Schließlich erhielten sie die Dokumente unspektakulär zurück und durften weitergehen. Der Lada entfernte sich in Richtung Oranienburger und der Spuk war vorbei. Doch der Nachmittag war für sie gelaufen. Sie stritten sich miteinander, hatten wegen der unplanmäßigen Kontrolle Angst, dass es weitere Probleme geben könnte. Es war, als wollten die ihnen einen Dämpfer erteilen.

Jahre später fragte Moritz sich mehrmals, ob der Wohnungshauptmieter namens Michael, an den sie die Mitwohnagentur Strack vermittelt hatte, dieselbe Person gewesen sein könnte, von der die beiden damals auf ihrem Kurzbesuch in Ost-Berlin kontrolliert wurden. Doch er verwarf diesen Gedanken wieder, auch wenn beide eine vergleichbare Statur besaßen und einen breiten Oberlippenbart mit leichter Krümmung an den Mundwinkeln. Der Vergleich war ihm zu wahnwitzig, spiegelte aber durchaus ihre geistige Verfassung zu der Zeit wider.

Vor der Wende fuhr Moritz ein weiteres Mal per Mitfahrzentrale mit seiner Freundin nach Berlin, diesmal war der Fahrer ein freundlicher Iraner. Auf der Fahrt Richtung Berlin hörten sie im Radio von einer Flugzeugkatastrophe. Terroristen hatten ein Passagierflugzeug über dem Iran zur Explosion gebracht. Sie diskutierten mit dem leicht erregten Iraner das Unglück. Er wirkte sehr betroffen, da über die Hintergründe noch nichts bekannt war.

Und fast genau ein Jahr vor der Wende war Moritz mit seiner damaligen Fußballmannschaft als aktiver Spieler in der DDR. Die dritte Mannschaft des SV Friedrichsort spielte zwar nur in der Kreisklasse-A, doch nachdem die Vereinsoberen eine Bewerbung für ein Freundschaftsspiel an den DFB geschickt hatten, erhielt „Die Dritte“ per Losentscheid die Erlaubnis für ein Freundschaftsspiel in den Staat links der Oder einzureisen. Das entsprach den offiziellen Vereinbarungen zwischen DFB und DFV. Und so fuhr eine Fußballmannschaft des SV Friedrichsort zu Traktor Herzberg in der Nähe von Neuruppin.

Einer der Spieler aus dem Westen hatte „etwas zum Rauchen“ dabei. Bevor sie die Grenze passierten, nahm er das Gehäuse der Hupe vom Lenkrad und versteckte darin die rund zwei Gramm Dope. Sie zeigten die Erlaubnis vom DFB und DFV vor und durften ohne weitere Grenzkontrollen einreisen. Die fünf Autos mit Kieler Kennzeichen kamen sicher in Herzberg an.

Sie übernachteten im örtlichen SED-Heim, bestritten ein Freundschaftsspiel und nahmen an einem kleinen Hallenturnier teil. Gemeinsam gefeiert wurde nicht. Die Mannschaftsfeiern fanden weitestgehend getrennt statt. Nur die Offiziellen aus Herzberg, einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, drängten sich auf. Der Erfahrungsaustausch spielte sich auf einer recht informellen Ebene ab: förmliche Begrüßung, zurückhaltende Gespräche, viel Händeschütteln, viel Heuchelei. Am Abend tauchte lediglich ein ostdeutscher Spieler an ihrer Unterkunft auf, der angetrunken an der Treppe zum Vereinsheim ein Gespräch suchte. Sie merkten, dass er Angst hatte, mit ihnen offen zu reden. Er erzählte vom Alkoholkonsum seiner Mannschaftskollegen, dass mehrere betrunken mit dem Auto nach Hause gefahren seien.

„Kontrolliert die Polizei denn gar nicht hier auf dem Lande?“, fragte einer der Gäste.

„Nein, das ist hier allen egal. Die kennen sich alle untereinander!“, antwortete der Spieler aus Herzberg.

Am zweiten Tag waren sie in ein Sportleistungszentrum am Fehrbelliner See eingeladen, wo es in einer großen Kantine eine Sportlermahlzeit gab. Sie besichtigten das Gebäude und nahmen schließlich noch an dem abschließenden Hallen-Turnier mit Vereinen aus der Region teil. Es ging gut zur Sache. Der überwiegende Teil der Halle war mit Spiegelwänden verkleidet. Das störte einige der Spieler. Am Ende dieser Mannschaftsfahrt hielten die Gäste kleine Wimpel von Elektronik Neuruppin in der Hand, die zwar kleiner, aber besser verarbeitet waren als ihre eigenen, die sie verteilten. Doch die witzige Vermutung kam auf, dass diese „Anhängsel“ beider Seiten von ein und demselben Betrieb hergestellt wurden. Auch die paar Ingenieure in der Gast-Mannschaft hielten sich intern mit harten politischen Äußerungen nicht zurück.

Nach einer förmlichen Verabschiedung traten sie die dreieinhalbstündige Heimreise an. Wie schon auf der Hinfahrt verlief alles komplikationslos.

Erst unmittelbar nach der Wende kam es zum Gegenbesuch einer Mannschaft von Traktor Herzberg. Alle schienen wie geläutert. Nur die Offiziellen von damals waren nicht mehr dabei. Sie waren wegen ihrer früheren Tätigkeit in Verruf geraten. Es hieß, die hätten zum Teil Firmen gegründet. Einer der Brandenburger Freizeitsportler blieb sogar in Kiel. Ihm wurde Arbeit im örtlichen Rüstungsbetrieb angeboten.

Moritz war noch ein viertes und letztes Mal unmittelbar vor der Wende im alten Ost-Berlin. Es war in den Wochen vor der Maueröffnung, nur wenige Tage, bevor Erich Honecker zurücktrat. Sie quartierten sich für ein paar Nächte bei Winnie, einem alten Schulfreund, in der Utrechter Straße in Wedding ein. Sie wollten das Konzert der Bands "Bad Brains" aus den USA und "Jingo de Lunch" aus Berlin im „Metropol“ am Nöllendorfplatz besuchen. Das Konzert wurde ein mitreißender Erfolg. Die meisten Fans tanzten mit freiem Oberkörper. Nur Moritz behielt seine Lederjacke an. Der Saal tobte. Als sie am nächsten Tag den Fernseher anschalteten, startete wie von Geisterhand eingeblendet ein Bericht über das Konzert vom Vortag. Plötzlich sah Moritz sich selbst im Fernsehen, wie er in der tobenden Menge in seiner Lederjacke auf seinen Vordermann aufbockte. Sie konnten es nicht fassen, es war ein Berliner Regionalprogramm.

Am folgenden Nachmittag wollten sie die andere Stadthälfte besuchen. Zu dritt nahmen sie den Grenzübergang Bornholmer Straße, wo sie den Zwangsumtausch von 25 DM pro Person bar bezahlen mussten. Doch sie hatten zuvor bereits legal bei der Berliner Bank 50 Westmark in Ostmark umgetauscht – eins zu 14 – um mehr Spielraum für Bücher und Schallplattenkäufe zu haben. Es war jedoch untersagt, Ostmark in die DDR einzuführen. Sie fragten sich, weshalb die Banken das Geld trotzdem zu diesem Tauschverhältnis anboten, laut Gesetz durften sie ja nur die 25 Mark Zwangsumtausch mitnehmen. Wahrend des Stadtbummels kauften sie Bücher und Schallplatten ein, darunter ein Mitschnitt vom „Festival des politischen Liedes“. Das restliche Geld gaben sie in einer Kneipe aus. Die drei jungen Männer waren stark angetrunken, als sie abends wieder am Grenzübergang eintrafen. Es war schon dunkel. Auf den letzten Metern wurden sie von einem Grenzbeamten vom Wachturm aus beleidigt, der sie schon beobachtet hatte, als sie sich näherten.

Er schrie zu ihnen herunter: „Wie lauft ihr denn überhaupt herum. Könnt ihr euch keine anständige Kleidung leisten?“

Moritz ließ sich auf ein kurzes Wortgefecht ein: „Was schreien sie uns denn so an? Meinen sie, sie sehen besser aus?“, rief er mutig die zehn Meter zu dem aufgedunsenen Uniformträger hoch.

„Seht zu, dass ihr weiterkommt!“, tönte es noch einmal, und sie gingen die restlichen Meter bis zur Grenzkontrolle.

Der Grenzsoldat ignorierte, dass die eingekauften Waren pro Person den Betrag von 25 Ostmark weit überschritten. Allein die Schallplatten hatten zusammen einen Wert von über 100 Ostmark. Sie durften passieren.

Später fragten sie sich, wie die Berliner Bank an das Ost-Geld herankam: „Die müssen ja Lkw-Weise Ostmark über die Zonengrenze nach West-Berlin bringen!“, sagte Moritz spöttisch.

Sie waren immer noch in Berlin, als in den Tagen darauf Honecker zurücktrat, sie sahen sein Gesicht überall auf den Bildschirmen in den Schaufenstern der TV-Händler.

Winnie verließ Berlin ein paar Monate nach dem Mauerfall. Er konnte den permanenten Ansturm auf die Regale nicht mehr ertragen. Er brach sein Medizin-Studium ab, zog nach Hamburg und wurde Krankenpfleger.

Als Moritz jetzt gut zwei Jahre nach diesem Besuch selbst in Berlin heimisch werden wollte, agierte er etwas zögerlich. Ihm war die ruinierte Gegend von Anfang an unheimlich.

Und Mikka störte nicht nur, dass die Häuser so kaputt waren, er stieß sich auch an den Menschen: „An der S-Bahn-Station Friedrichstraße laufen ja nur Psychopathen herum.“

„Die sind wohl auf dem alten System hängen geblieben!“, vermutete Moritz.

Die Verkehrsanbindung war passabel, mit der S-Bahn konnten sie vom Ostkreuz direkt bis zum Bahnhof Zoo gelangen. Dennoch wurde das Wort Ostkreuz zum Synonym für eine kaputte Region mit überraschend seltsamen Gestalten. Und überall sichteten sie Skinheads. Kein S-Bahnabteil ohne Skinhead, kein Abendspaziergang ohne Skins und kein Einkauf im Tip-Markt ohne die kurz geschorenen Artgenossen. Viele dieser Typen gingen mit ihren Kampfhunden Gassi, die wild hechelnd an der Leine zogen. Es war schwer einzuschätzen, ob diese sich als Hobbypolizisten aufführen oder Leute erschrecken wollten. Oder setzten sie diese Hunde als Waffen ein? Hin und wieder lasen sie etwas darüber in den Zeitungen.

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